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Ausgabe 3/2002
 
Sexualität

Die Lust im Kopf

Christiane Löll
 
Pharmaforscher basteln an neuen Medikamenten gegen Sexualstörungen, die auf das eigentliche Erregungsorgan des Menschen zielen: sein Gehirn
 
Was macht so richtig Lust? Ein Spray zur Steigerung der Libido, eine Pille gegen die gestörte Erektion? Gibt es die Begierde auf Rezept? In den Forschungsstätten der Pharmafirmen nehmen derlei Visionen konkrete Gestalt an. Acht bis zehn neue Mittel zur pharmakologischen Aufrüstung der körperlichen Liebe sind in den kommenden Jahren zu erwarten, schätzt der Hamburger Urologe Hartmut Porst. In seiner Praxis testet der Professor bereits mit Patienten neue Medikamente aus den Industrielabors. Einige setzen auf verbesserte Nachahmungen des Potenzmittels Viagra - damit wollen etwa Bayer und Eli Lilly dieses Jahr dem Marktführer Pfizer Konkurrenz machen. Andere verfolgen die Strategie, das eigentliche Lustorgan des Menschen zu stimulieren - das Gehirn. Die Pharmafirmen wollen auch Frauen beglücken, bei denen sich Viagra als unwirksam herausgestellt hat.

Bedarf an neuen Lustpillen gibt es genug. Eine US-Studie aus den neunziger Jahren zeichnet ein trauriges Bild der Sexualverfassung und wird vor allem von Industrie und Sexualforschern gern zitiert. Befragt wurden Männer und Frauen nach ihren sexuellen Befindlichkeiten. Ein Drittel der Frauen aller Altersgruppen bekundete sexuelles Desinteresse, bei den Männern waren es immerhin rund 15 Prozent. Ein Viertel der jungen Frauen gab an, Sex nicht zu genießen, gleich hoch war die Anzahl derer, die keinen Orgasmus bekommen konnten. Eine Studie der Universität Köln offenbarte, dass in Deutschland vier bis fünf Millionen Männer Probleme mit der Erektion haben. "Zwar leidet nur etwa die Hälfte wirklich darunter", relativiert Hartmut Porst, "aber behandelt werden momentan nur annähernd zehn Prozent."

Unklar bleibt, wo der Ursprung dieser Störungen zu suchen ist. "Die einen sagen, 90 Prozent aller sexuellen Störungen hätten einen psychologischen Hintergrund, die anderen sagen, 90 Prozent hätten eine organische Ursache", schildert der Sexualforscher Volkmar Sigusch von der Universität Frankfurt die Grabenkämpfe zwischen Psychologen und biologisch-organisch denkenden Urologen und Sexualmedizinern.

Der Streit beweist vor allem den Erkenntnisnotstand in der Lustforschung. Zwar ist das physiologische Geschehen beim Sex recht gut erkundet: Sensoren in der Haut und an den Geschlechtsorganen leiten bei Berührung Impulse an die Großhirnrinde weiter, die wiederum das limbische System, das Emotions- und Belohnungszentrum im Gehirn, mobilisiert. Doch wie entsteht die Lust auf Sex, wo beginnt die Begierde, wie pflanzt sie sich fort? "Was im Hirn dann alles passiert, weiß so genau noch niemand", sagt Porst. "Wir kennen die Rezeptoren, Hormone und Botenstoffe. Wie und wann die sich gegenseitig beeinflussen, ist noch Gegenstand der Forschung."

Wie sehr das Geschehen im Kopf am Zustandekommen von Lust und Erregung beteiligt ist, wissen alle Liebenden, die schon beim Gedanken an ihr Objekt der Begierde Herzflattern verspüren. Die größten Dichter haben diese wundersame Wechselwirkung in unzähligen Varianten immer wieder umkreist, doch eine simple Erklärung oder gar eine wissenschaftliche Formel für diese Beziehung konnte bislang niemand angeben. Kein Wunder, dass die Pharmafirmen bei der Suche nach einem omnipotenten Lustverstärker im Dunkeln tappen und oft nur durch Zufall einen Treffer landen.

Ein Paradebeispiel dafür ist die Entdeckung des Wirkstoffs Melanotan II. Eigentlich suchten die Mediziner des Krebszentrums in Arizona ein Mittel, das ohne Sonnenstrahlung bräunt. Als sie Melanotan II verabreichten, trat ein kurioser Nebeneffekt auf: Einige der männlichen Probanden - darunter auch Versuchsteilnehmer, die als impotent galten - bekamen spontane Erektionen. Verantwortlich dafür war das in Melanotan II enthaltene Hormon alpha-MSH. Inzwischen laufen schon die Zulassungsstudien für ein erregungsförderndes Nasenspray, das alpha-MSH enthält. Es soll bei Mann und Frau wirken.

Ähnlich ungeplant verlief die Entdeckung von Viagra. Als Herzmittel war die Pille ein Flop, die Versuche wurden abgebrochen. Die potenzsteigernde Wirkung des Präparats bemerkten die Pfizer-Manager erst, als einige Patienten ihre Versuchspillen partout nicht herausrücken wollten.

Auch die Substanz VML 670, die der US-Pharmariese Eli Lilly jetzt vermarkten will, ist ein eher zufälliges Produkt der pharmakologischen Spurensuche. Das Produkt wurde zunächst als Medikament gegen Übelkeit und als Antidepressivum entworfen. Doch Versuchstiere zeigten vor allem eine sprunghaft gestiegene Bereitschaft zur Kopulation. Eli Lilly reagierte prompt: Statt VML 670 als Antidepressivum auf den Markt zu bringen, preist man es nun als Lustmittel - und zwar für Frauen und Männer, die von Depressionen geplagt werden. Dennoch versucht das Unternehmen, einen gewissermaßen keuschen Ruf zu wahren. "Wir sind ein ethisches Unternehmen", betont die Lilly-Sprecherin Viola Bronsema, "und daher kümmern wir uns nur um schwere Erkrankungen."


Zünder im Belohnungszentrum

"Die Industrie will und fürchtet eines zugleich", sagt Bruno Müller-Oerlinghausen, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, "die Entdeckung des reinen Aphrodisiakums, also eines Mittels, das bei allen Menschen im Handumdrehen Lust hervorruft, auch bei jenen ohne diagnostizierte Sexualstörungen." Zwar suchen Pharmaforscher weltweit just einen solch potenten Wirkstoff, der beide Geschlechter gleichermaßen verzückt. Vor der Entwicklung und Vermarktung reiner Lustpillen, die als Lifestyle-Medikament konsumiert werden, um dem normalen Sexualleben den gewissen Kick zu geben, schrecken die Unternehmen aber denn doch zurück. Den Firmen sei es schlicht zu heikel, glaubt Müller-Oerlinghausen, den Menschen und seine Bedürfnisse derart grundlegend zu beeinflussen.

Andererseits ist der Wunsch nach endloser Lust und Ekstase ein uralter Menschheitstraum. Zu allen Zeiten strichen die Liebesdurstigen durch Wälder und Wiesen, um nach Inhaltsstoffen für Liebeselixiere zu suchen. Getrocknete Ameisen in Olivenöl galten im Mittelalter als Geheimrezept für Unlustige. Araber und Europäer verspeisten Pulver aus zermahlenen Eidechsen. Rhinozeroshorn, Tigerpenis und Schlangenblut - alles schon einmal da gewesen. Ob es der "Genuss" dieser Aphrodisiaka war, der am Ende den Lusttraum erfüllte, darf bezweifelt werden. Vermutlich wirkte eher der Glaube, endlich das Mittel gefunden zu haben.

Statt durch Wiesen und Wälder streifen die Pharmaforscher heute durch Chemielabore und Computerdatenbanken. Dabei liefert ihnen die Biologie eine Vielzahl von Angriffspunkten, an denen Medikamente Erregung und Orgasmus bei Mann und Frau beeinflussen könnten.

So ist zum Beispiel bekannt, dass schon vor dem Geschlechtsakt Regelstellen im Kopf überprüfen, ob der Körper überhaupt für die bevorstehende Belastung gerüstet ist. Sind genug Energiereserven in Form von Glukose vorhanden? Ist es warm genug? Körpereigene Opiate setzen die Schmerzempfindlichkeit herunter, das Hormon Oxytocin, das im Hypothalamus gebildet wird, lässt Bedenken verblassen und lenkt die Konzentration auf den Liebesakt.

Der eigentliche Zünder des Sexualzaubers liegt jedoch im Belohnungszentrum des Gehirns, im limbischen System; genauer: im Hypothalamus, in den Hirnregionen Nucleus paraventricularis und Regio praeoptica (siehe Grafik auf S. 28). Dort aktivieren Sexualhormone wie Testosteron und Östrogene Nervenzellen, die für Libido und Erregung zuständig sind. Auch Hirnbotenstoffe wie Dopamin und Serotonin spielen für das Lustgefühl eine wichtige Rolle. Sie stimulieren bestimmte Nervenbahnen, hemmen andere und leiten so die Erregung über das Rückenmark an die Geschlechtsorgane weiter. Dort sorgt der Botenstoff Stickstoffmonoxid für verstärkten Blutfluss, die Gefäßmuskulatur entspannt sich, der Penis des Mannes wird steif, die Scheide der Frau feucht, die Klitoris schwillt an. Auch die Sensoren für Berührung und Vibration werden empfindlicher. Schließlich kann sich die Erregung bis zum Orgasmus hochschaukeln. Auf dem Gipfel der Lust brennt das Hirn in wenigen Sekunden ein wahres Feuerwerk aus Neuronenentladungen und Hormonsalven ab.

Wie könnte man in dieses System auf möglichst lustfördernde Weise eingreifen? Die meisten neuen Medikamente beeinflussen die Aktivität der Botenstoffe Dopamin und Serotonin im limbischen System. Dazu gehört das Hormon alpha-MSH ebenso wie der Stoff VML 670. Da diese Botenstoffe jedoch nicht nur Lust und Erregung, sondern auch Gefühle, Gedächtnis und Lernvermögen steuern, treten dabei immer wieder die überraschendsten Nebenwirkungen auf.

So wurde das Potenzmittel Apomorphin, das Dopamin-Rezeptoren stimuliert, einst als Brechmittel bei Vergiftungen eingesetzt. Seit Juni 2001 ist es in Deutschland als Medikament für Männer mit Potenzstörungen zugelassen. Indem Apomorphin die Dopamin-Ausschüttung ankurbelt, fördert es die Weiterleitung entspannender Impulse in den Nervenbahnen - bis in die Gefäßmuskulatur im Penis. Bei rund der Hälfte der Männer mit erektiler Dysfunktion soll Apomorphin die Potenz erfolgreich wiederbeleben - vorausgesetzt, der Mann wird zusätzlich durch sexuelle Reize stimuliert und hat die richtige Dosis eingenommen.

Doch wenige Milligramm entscheiden über Lust oder Ekel. "Etwa zehn Prozent setzten das Mittel aufgrund von Übelkeit bis hin zum Erbrechen wieder ab", zitiert Müller-Oerlinghausen eine neue Studie. "Da tröstet auch nicht die Angabe des Herstellers, dass die Übelkeit bei mehrmaligem Einnehmen nachlässt." Und in niedrigen Dosen wirkt das Mittel bei vielen nicht. Bislang ist Apomorphin nicht für Frauen zugelassen - ob es bei ihnen wirkt, müssen Studien noch zeigen.

Das komplexe Zusammenspiel von Lust und Leid lässt sich auch an dem lustfördernden Mittel VML 670 von Eli Lilly studieren. Das neue Produkt, das die Ausschüttung des Hirnbotenstoffs Serotonin beeinflusst, verdankt seinen Aufstieg just der Schwäche eines anderen, gefeierten Medikaments - des Stimmungsaufhellers Prozac. Dieses eigentlich als Glückspille gefeierte Antidepressivum hat nämlich die unliebsame Nebenwirkung, deutlich den Sexualtrieb zu mindern.


"Glückspillen" vertreiben die Lust

Zahlreiche Prozac-Patienten berichten von Störungen in ihrem Sexleben, vorwiegend von Unlust, aber auch von Erregungs- und Orgasmusstörungen. Derart niederschmetternde Auswirkungen haben auch andere Antidepressiva aus der gleichen Wirkstoffgruppe - so genannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Es ist zwar schwierig, abzugrenzen, ob dieses Phänomen nicht einfach Teil der Depression ist. Doch die Anzahl derjenigen SSRI-Konsumenten, die ihren Ärzten über Sexualprobleme berichteten, ist in den vergangenen Jahren permanent gestiegen, von anfangs 10 auf mittlerweile bis zu 50 Prozent.

Wieso aber vertreiben Stimmungsaufheller die Lust? Auch dabei spielt der Neurobotenstoff Serotonin eine wichtige Rolle. Präparate wie Prozac fördern dessen Konzentration im Hirn. Der erhöhte Serotonin-Austausch euphorisiert trübsinnige Patienten und verleiht ihnen neuen Antrieb. Doch ein Zuviel des Botenstoffs ist offenbar kontraproduktiv in Sachen Lust - die Serotonin-Rezeptoren werden zunehmend unempfindlich. Dieser unerwünschten Begleiterscheinung will Lilly mit dem VML 670 Paroli bieten. Das neue Mittel kurbelt müde Rezeptoren wieder an - damit soll auch die Libido der Patienten auferstehen. Die Zulassung des Medikaments wird jedoch erst in einigen Jahren erwartet.

Einem anderen, in den USA vertriebenen Antidepressivum namens Wellbutrin wird wiederum triebstützende Wirkung nachgesagt, vor allem bei Frauen. Dessen Inhaltssubstanz, Bupropion-Hydrochlorid, kommt in Deutschland in höherer Dosis als Antiraucherpille Zyban daher. Wieder tauchen Lust und Ekel vereint auf: Während Zyban den Appetit auf Sex erhöhen soll, mindert es das Bedürfnis nach Nikotin - die Lust auf den Genuss einer "Zigarette danach" verschwindet, weicht bei einigen Menschen sogar einem Ekelgefühl.

Diese Beispiele zeigen, dass die komplexe Lustbiochemie noch längst nicht entwirrt ist. Auch sind die Pharmafirmen weit davon entfernt, den einen Schalter zu finden, der - einmal angeknipst - pure Lust garantiert. Doch was wäre, wenn? Eine Antwort könnten die bisherigen Erfahrungen mit der Potenzpille Viagra liefern. Sie zeigen, dass der Leistungsanspruch beim Sex gestiegen ist. "Bei vielen Paaren wird Sex leider zu sehr auf die 20 Minuten Geschlechtsverkehr reduziert, der dann unbedingt klappen muss", sagt Hertha Richter-Appelt, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. Sollten künftig auch Frauenmittel auf den Markt kommen, meint die Hamburger Professorin, könne der Performancedruck noch steigen.

Gelänge es demnächst, durch entsprechende Mittel auch die Lust im Kopf anzuregen, kommt ein zusätzliches Risiko hinzu: Die Erregungssubstanz könnte süchtig machen. Denn das durch Dopamin gesteuerte Belohnungssystem beschert einem Menschen immer dann Glücksgefühle, wenn er etwas tut, was ihn oder seine Art am Leben erhält, etwa Essen oder eben Sex. Dadurch steigt die Motivation, das Gleiche noch einmal zu tun. "Es springt aber auch dann an, wenn Drogen konsumiert werden wie etwa Heroin, Kokain, Nikotin, Alkohol oder Amphetamine", erklärt der Suchtexperte Lutz G. Schmidt von der Universität Mainz. "Die Firmen müssen sehr genau prüfen, ob überhaupt und in welcher Dosis die neuen Substanzen süchtig machen", warnt Schmidt.

Ob sich die Menschen aber von der Industrie überzeugen lassen, sie brauchten Medikamente für ein erfülltes Sexualleben, wird sich zeigen. "Die Menschen wünschen sich eigentlich eines: eine natürliche Sexualität ohne Hilfsmittel", sagt der Sexualforscher Uwe Hartmann von der Universität Hannover. Neuere Studien wiesen zudem darauf hin, dass Sexualität an Bedeutung verliere. Das Bedürfnis nach Liebe, Intimität und Partnerschaft sei in den vergangenen 30 Jahren in den Vordergrund gerückt. Sollten Forscher also je mit dem Lusttrank aufwarten können - was kaum möglich scheint - müssten sie konsequenterweise die nächste Hürde nehmen: die Erzeugung der Liebe selbst. Doch diese ist zum Glück so komplex, dass sie wohl niemand in ihre Einzelteile zerlegen kann.



Die Wirkstoffe:



Alpha-MSH wirkt auf die beiden Hirnbotenstoffe Oxytocin und Dopamin. Eine chemische alpha-MSH-Kopie im Nasenspray soll der Lust auf die Sprünge helfen



Bupropion verändert den Stoffwechsel von Dopamin und Serotonin im Lustzentrum des Gehirns. Der Wirkstoff ist in der Antiraucherpille Zyban enthalten



Apomorphin stärkt im Lustzentrum des Gehirns die Dopamin-Wirkung. Nervenbahnen leiten die Erregung über das Rückenmark zu den Geschlechtsorganen



VML 670 mildert die Nebenwirkungen einiger Antidepressiva. Sie stören die Libido, weil sie Serotonin blocken können. VML 670 beseitigt diese Blockade


 © ZEIT_Online
 
 

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