Ausgabe 23/2002
 
Archäotheologie

Auf den Spuren der Ekstase

Urs Willmann
 
Archäotheologe Peter Lampe predigt, lehrt und entdeckte zwei sagenumwobene antike Städte in der Türkei. Bevor der Theologe nach Heidelberg kam, lehrte er in Richmond, Virginia (USA), und in Kiel. In seiner Freizeit predigt der evangelische Christ in der Universitätskirche. Als Forscher verfolgt der 48-jährige mit Vorliebe die Spuren religiöser Charismatiker. Der Zufall half ihm bei der Suche
 
Nach dem abendlichen Mahl erhob sich ein Prophet. Er tanzte durch den Raum, sein Stimmapparat vollführte bizarre akustische Kunststücke. In einer Zungenrede entfuhren ihm tollkühne Vokale und Gluckser, die ein Kundiger für die Zuhörer in verständliche Rede überführte. Erst durch die Übersetzung des assistierenden Deuters nahmen die Visionen des scheinbar Irren Gestalt an. Und die Performance endete mit der Ankündigung eines Weltuntergangs. Oder dem Hinweis auf das unmittelbar bevorstehende Comeback Christi.

Schon während der Antike versuchten sich Propheten in solch ekstatischer Ausübung christlichen Glaubens. In den oft spontanen Vorführungen sieht der Heidelberger Theologe Peter Lampe die Anfänge jener christlichen Glaubensgemeinschaften, bei denen nicht nur das Ausharren in der Kirchenbank, sondern auch die Ekstase zum Ritual gehört. Der biblische Paulus selbst berichtet im ersten Brief an die Korinther von einschlägigen Veranstaltungen, an denen sich Glaubende "zur Erbauung" trafen. Jeder hatte einen Happen zum Futtern und eine Probe seiner Kunst mitgebracht. Es erhob sich der erste zur Interpretation eines Psalms. Der nächste übte sich in Offenbarung. Ein anderer glänzte durch die Darbietung einer Zungenrede, in der - daher der Name - nur die Zunge zu reden schien, der Verstand aber schwieg: "Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, durch den Geist vielmehr redet er Geheimnisse." (1. Kor. 14)


Vorliebe für die wilden Schäfchen

Der Professor hat sich mit Verve den schrägen Vögeln im himmlischen Bodenpersonal zugewandt. Gern macht er interessehalber einen Sprung zu den Veranstaltungen der "Taube", deren erbauliche Treffen wie bei Paulus in Ekstase enden. Fasziniert stellt er fest, wie in Europa das Christentum an Boden verliert, in Afrika dagegen monatlich 1200 Glaubensgemeinschaften entstehen und Charismatiker wie die Kimbanguisten fünf Millionen Anhänger zählen. "Nihil novi sub sole", sagt Lampe, der zehn Sprachen beherrscht, was "nichts Besonderes unter Theologen" sei. Unter der Sonne hat es in religiösen Dingen immer auffällige Protagonisten gegeben. Krachende Lacher Lampes bei deren Beschreibung verraten, dass da einer, der selbst in der Studentenkirche übers Heute predigt, an den wilden Schäfchen der christlichen Glaubensgemeinschaft einen Narren gefressen hat.

Am meisten Aufmerksamkeit schenkt Lampe einem illustren Trio: Der Zungenredner Montanus und seine ebenso schillernden Begleiterinnen Priscilla und Maximilla verkündeten ab 165 nach Christus ekstatisch die "Neue Prophetie". Der Heilige Geist war ihnen erschienen, sie lehrten, dass Christus sehr bald wiederkäme und Zucht und Askese Garanten seien, um vor dem jüngsten Gericht zu bestehen. Groß war ihre Fangemeinde. Die später Montanisten genannte Bewegung schuf in den kleinasiatischen Städten Pepouza und Tymion ihre Hochburgen und erwartete hier die Herabkunft des himmlischen Jerusalem - wie im vorletzten Kapitel der Bibel angekündigt.

Doch Pepouza und Tymion tauchten bislang nur in Überlieferungen auf. Wo die Metropolen untergegangen waren, blieb ein Geheimnis. Am Mittwoch dieser Woche aber durfte Lampe in Ankara eine frohe Botschaft verkünden. Auf einer Konferenz stellten die in der Türkei wirkenden Archäologenteams ihre Projekte vor. Lampe hatte eine Sensation im Gepäck. Er ist mit einer internationalen Forschertruppe unweit Usaks auf ein Kloster im Berg gestoßen. Auf eine Stadt, Felsengräber, eine Katakombe. Fotos und Pläne, die er vor den türkischen Gelehrten ausbreitete, ließen keinen Zweifel zu: Eineinhalb Millennien nachdem die Montanisten von der Bildfläche verschwanden, sind Pepouza und Tymion wiederentdeckt.

Die Montanisten hatten mit der Behauptung, näher als die Jünger an Christus zu sein, den Unmut der Kirche auf sich gezogen. Montanus selbst ließ Gott in der Ich-Form durch seinen Mund sprechen und eröffnete Gläubigen die Möglichkeit, dem Weltuntergang zu entrinnen. Nach dem Ableben der drei Propheten blieben Pepouza und Tymion Wallfahrtsorte. Aus dem ganzen römischen Reich pilgerten Anhänger zum Schrein ihrer Gebeine. Doch um 550 machte der Bischof von Ephesus dem Spuk ein Ende. Um die Macht der Ketzergemeinde, die sich bis nach Gallien, Rom, Konstantinopel und Nordafrika ausgebreitet hatte, einzudämmen, machte er, mit der Unterstützung von Kaiser Justinians Truppen, in Kleinasien Jagd auf "Juden, Heiden und Häretiker". Die Basilika von Pepouza wurde teilweise abgebrannt. Zwar amtierten in der Stadt noch ein paar Jahrhunderte lang gleichgeschaltete orthodoxe Würdenträger. Aber die christliche Gemeinschaft der Montanisten, in der Frauen gleichberechtigt Bischöfinnen sein durften, hatte zu existieren aufgehört. Ihre Wirkungsstätten versanken in der Bedeutungslosigkeit.

In diesen Tagen wird der Triumph des Heidelberger Theologen und Archäologen Lampe auch wissenschaftlich publiziert. Ein Satz in der Zeitschrift für antikes Christentum (Nr. 6/02, S. 156) verrät, wie sehr die Umstände der Suche nach Pepouza und Tymion den Forscher bewegt haben: "Wir stapften durch einen abgelegenen Canyon, durch eine schlammige Flussebene und kraxelten eine steile Böschung empor, durchnässt vom Regen eines Gewittersturms."

Den Satz, eingefügt in nüchterne Forscherprosa, konnte sich der heimliche Abenteurer und passionierte Segler Lampe nicht verkneifen. "So knochentrocken kann man nicht sein", sagt er, schließlich war ihm, "als wollte der Himmel mit dem Donnergrollen kundtun, dass er sein Geheimnis nicht preisgeben möchte". Beeindruckt standen die Eindringlinge nach Bezwingen der Böschung plötzlich vor einem gigantischen Felsenkloster. Neben einer in Stein gehauenen Kuppelhalle gähnten in drei übereinander liegenden Reihen Dutzende von Zellen aus dem Fels, geschmückt mit byzantinischen Graffiti. In der Nähe fanden sich die Reste einer Stadt, in der mehrere Tausend Platz gefunden haben mussten. Die Forscher orteten die Spuren einer römischen Straße, Brückenköpfe, die Trümmer einer Nekropolis und ein "Eselpfadsystem mit Spuren für Gegenverkehr".

Vor über hundert Jahren hatte sich bereits der Brite Sir William Ramsey auf die Suche nach dem verschwundenen Pepouza gemacht. Er und zahlreiche Nachfolger fertigten eine Liste mit Dutzenden möglicher Standorte an. Diese nahmen sich Lampe und der Australier William Tabernee im Juli 2000 vor. Sie reisten in die Türkei, zur "Rasterfahndung", besichtigten Külköy, Dumanliören, Bekilli, Delihirdirli, Ücküyü, Hasköy, Kayal, Gürpnar und Selcikler. Verglichen Literatur und Szenerie. Nach jedem Augenschein strichen sie einen Ort von der Liste. Keiner blieb übrig.


Ein Landeplatz für Jerusalem

Der Zufall half weiter. In Usak sprach die Gruppe mit dem Direktor des Archäologischen Museums. Kazim Akbiyikoglu hatte zwar noch nie von den Montanisten gehört - aber er wusste von einer Art "Kirche in einer Höhle" zu berichten. Am nächsten Tag brachen sie auf. Als sie zu Fuß an den abgelegenen Ort gelangten, fiel es ihnen "wie Schuppen von den Augen". Beim Anblick des Klosters und des zwischen den beiden Städten liegenden Plateaus war sich Lampe sicher, dass hier die Gläubigen die Ankunft des neuen Jerusalems erwartet hatten: "Ein prima Landeplatz. Man kann sich gut vorstellen, wie an der Stelle eine Cybercity vom Himmel auf die Erde herabschwebt."

Der Professor, der nur auf den ersten Blick das Klischee eines nüchternen Theologen vermittelt, gerät ins Schwärmen. "Wie oft gelingt es schon, archäologische Steine mit antiken Schriftzeugnissen zu kombinieren, sodass plötzlich Leben in die Steine kommt?" Immerhin handle es sich nicht um irgendeine antike Stadt, sondern um den Hauptsitz einer im ganzen römischen Reich verbreiteten Bewegung. Doch dann tritt Lampe selbst auf die Bremse: "Die Karte kann ich Ihnen nicht mitgeben." Er hütet sich, die Koordinaten des Ortes preiszugeben. Als Tourismusfunktionäre umgehend planten, Reisegruppen durch die historische Stätte trampeln zu lassen, war sein Ärger groß. "Die sammeln uns die Keramik weg!"

Zwei, drei Jahre Zeit, in denen er mit seinen Teams ungestört sammeln und forschen kann, hat Lampe aushandeln können. Mit 38 Forschern aus Deutschland, den USA, der Türkei, Australien und Rumänien wird er in diesem Jahr anreisen und mit einer intensiven Oberflächenforschung die Zeugnisse sichern. Dann können sie kommen, die Globetrotter, die Heiligtümern hinterherreisen. Die "Faith-Touristen", wie Lampe sie nennt, werden entzückt sein. Ein Mythos, Ruinen: "Alles da." Das Bild, das die Trümmer von der bizarren Charismatikerkirche vermitteln, wird imposant ausfallen. Pepouza wurde mit Marmor erbaut. Es reicht, wenn der Experte weiß, dass es sich dabei um den billigsten Werkstoff der Gegend handelte.

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