Wonach strebt der Mensch in seinen Geschäften? Wirklich nur nach seinem Vorteil, wie die klassische Wirtschaftstheorie unterstellt? Im Rahmen der Deutschen SchülerAkademie ist im Sommer 2002 eine Gruppe hochbegabter Schüler dieser Frage auf klassisch-wissenschaftlichem Wege nachgegangen: durch das Experiment. Versuchspersonen waren sie selbst, und es gab etliche Überraschungen! Die Experimente eignen sich zur Nachahmung in Leistungskursen oder ähnlichen Gruppen.
Habgier ist normal; Neid ist völlig verfehlt, und irgendwelche sozialen Überlegungen sind sowieso belanglos. Das ist der Standpunkt des rational handelnden Wirtschaftssubjekts: Hauptsache, ich werde selber fett, und es stört mich nicht, wenn mein Nachbar noch fetter wird - oder verhungert.
So weit die Theorie. Uns ist es im Kurs schwer gefallen, uns selbst in diesem fiktiven Akteur wieder zu finden. Entsprechend haben wir in den Experimenten, in denen wir ausdrücklich aufgefordert waren, nur unseren Vorteil zu suchen und sonst gar nichts, dieser Aufforderung häufig zuwidergehandelt. Wir befinden uns dabei in guter Gesellschaft: In den professionell durchgeführten Experimenten, in denen es um echtes Geld geht, fanden die Versuchspersonen ebenfalls andere Dinge wichtiger als den eigenen Vorteil.
Wozu ist die Theorie dann gut, wenn sie das Verhalten der Menschen nicht erklärt? Sie erklärt einen Teil ihres Verhaltens, nämlich den, der von dem Bestreben nach Nutzenmaximierung motiviert ist. Damit dient sie auch dazu, die verschiedenen Motive, die unser Handeln bestimmen, säuberlich auseinander zu halten.
Nach einem beliebten Ökonomen-Spruch ist experimentelle Wirtschaftswissenschaft so ähnlich wie eine Einladung zum Abendessen bei den Kannibalen: Manchmal sitzt du am Tisch und manchmal im Kochtopf (
sometimes you are the diner and sometimes the dinner). Dementsprechend waren die Kursteilnehmer sämtlich sowohl (einmal) Versuchsleiter als auch (alle anderen Male) Versuchspersonen. Die Analyse der verschiedenen Motive für unser Handeln geriet meistens ziemlich lebhaft.
Rosemarie Nagel und Christoph Pöppe
Deutsche SchülerAkademie