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Ausgabe 4/2003
 
irak

Staubwischen bei Saddam

Von Tom Schimmeck
 
Wie die Internationale Atomenergiebehörde in irakischem Staub nach Spuren von Kernwaffen sucht
 
Das Arbeitsgerät könnte kaum schlichter sein: ein kleiner Plastikbeutel, darin ein quadratisches Baumwolltuch, gerade zehn mal zehn Zentimeter groß. So weiß wie die Unschuld.

Es ist die wichtigste Waffe, um Saddam Hussein nukleare Missetaten nachzuweisen. Gewiss, die Inspektoren der IAEA, der Internationalen Atomenergie-Organisation, haben vor Ort im Irak auch komplizierteres Gerät dabei: Alex etwa, den alloy expert zum Nachweis exotischer Metalle, die beim Umgang mit Nuklearmaterial verwendet werden. Dazu Strahlendetektoren, Gamma-Spektrometer und MCAs – multi-channel analyzers –, die Strahlenquellen anhand der Isotope genauer erkennen können, Uran- und Plutonium-Isotope zum Beispiel, die den Verdacht nahe legen, dass hier Kernbrennstoffe wiederaufbereitet wurden.

Die Tüchlein aber sind ihr wichtigstes Instrument. Low-Tech und also fast fehlerfrei in der Handhabung. Jedes Testset, doppelt in Plastikbeuteln verpackt, enthält Latexhandschuhe, Aufkleber und einen Stift. An verdächtigen Orten nimmt der Atom-Inspektor einen Satz der kleinen Lappen, wischt damit wie mit einem Staubtuch über Wände, Fußböden und Gerätschaften, etikettiert die Proben und schickt sie zur IAEA-Zentrale nach Wien.

Die penible Feinarbeit findet in Seibersdorf statt, einem abgeschiedenen Örtchen südwestlich von Wien. Hier, wo einst ein österreichischer Forschungsreaktor stand, bis das Land den Ausstieg aus der Atomenergie beschloss, betreibt die IAEA ihre Labors. Der Schnee liegt jetzt hoch, kalter Wind pfeift um die Flachbauten. Die Szene mutet recht sibirisch an.

Überwachungsproben aus Nuklearanlagen in aller Welt werden im Seibersdorfer Safeguard Analytical Laboratory unter die Lupe genommen. Seit den ersten Inspektionen im Irak vor elf Jahren ist die Ausstattung mächtig gewachsen. „Wir sind weit gekommen seit den neunziger Jahren“, erzählt David Donohue, stolzer Leiter des superreinen Clean Lab, in dem die Staubtüchlein analysiert werden. Das Labor, 1995 eingeweiht, verdankt seine gute Ausstattung vor allem dem langen Zwist mit dem Irak um illegale Waffenprogramme. Ein Schild am Eingang dankt den Vereinigten Staaten für ihre Generosität. Daneben hängt ein Spaten, verziert mit dem Sternenbanner.

„Wir mögen Wischproben“, sagt Spürhund Donohue, ein enthusiastischer Amerikaner. „Selbst wenn die Wände neu gestrichen wurden und der Fußboden komplett ausgetauscht wurde, um etwas zu verbergen, finden wir es“ – sofern die Inspektoren die richtigen Räume erwischt haben. Was ihn treibt? „Neugier“, sagt der Chemiker. „Die Politik überlassen wir anderen.“

Zunächst werden die Wischproben per Gamma-Spektrometer auf Strahlung geprüft. Dann werden die einzelnen Tücher auf ein spezielles Röntgengerät gespannt. Ein Roboterarm sucht das Baumwollquadrat auf Uran-Partikel ab und stellt ihre Konzentration auf einer farbigen Karte dar. Die Daten gehen an die Auswerter im Wiener Hauptquartier. Die entscheiden, wie interessant die Ergebnisse sind und wie weiter verfahren wird.

Proben, die verdächtig erscheinen, kommen unter ein Rasterelektronenmikroskop. Vollautomatisch prüft es markierte Bereiche der Tücher auf schwere Partikel, misst das Strahlenspektrum und speichert es. Die Maschine erledigt diese Feinarbeit, für die ein Mensch ewig brauchen würde, in ein bis zwei Tagen. Neulich fand sie bei einer Messung 56000 Partikel, so viele, dass die Excel-Datei, in der die Ergebnisse aufgelistet werden, zu platzen drohte. Auch bei der Auswertung der endlosen Zahlenkolonnen hilft dem Forscher ein Computer. Ein zweites Gerät, das Sims, ein gewaltiges Massenspektrometer, wirft einen scharfen Blick auf die Isotope.

Die winzigen Partikel, manchmal nur ein billionstel Gramm schwer, können große Geschichten erzählen. Sie geben Antwort auf die wichtigste Frage: ob mit Uran oder Plutonium hantiert wurde. Das Rasterelektronenmikroskop findet auch Materialien, die auf der Verbotsliste stehen: Metalle wie hoch reines Wolfram und Molybdän, die Atomwaffenbauern lieb und teuer sind.

„Wir wissen, dass man in Irak um 1990 Plutonium hergestellt hat. Wenn wir jetzt Plutonium finden, können wir feststellen, ob das mit diesem Datum übereinstimmt oder es erst in den letzten Jahren hergestellt wurde“, erklärt Donohue. So liefert der Zerfallsgrad von Plutonium 241, das eine Halbwertszeit von 14 Jahren hat, recht gute Zeitangaben. „Die Fehlerquote beträgt nur wenige Monate.“ Auch an Spaltprodukten wie Cäsium, Jod und Zirkonium, die bei der Herstellung von Plutonium in einem Reaktor entstehen, lässt sich viel ablesen: „Wenn man das Ensemble betrachtet, kann man sehen, wann das gemacht wurde.“

Am 27. Januar soll IAEA-Generaldirektor Mohammed al-Baradei vor dem UN-Sicherheitsrat Ergebnisse präsentieren. Die Forscher stehen unter Zeitdruck. Zwischen Weihnachten und Neujahr wurden hier im Labor Sonderschichten gefahren, um die neuen Wischproben aus dem Irak, elf an der Zahl, auszuwerten. Einige der „Swipes“ wurden parallel an Partnerlabors in aller Welt verschickt, um Irrtümer auszuschließen. Ist es denkbar, dass ein winziger Partikel über Krieg oder Frieden entscheidet? „Nein, das kann nur ein Indikator sein“, sagt Donohue. Wenn wirklich mit solchen Materialien hantiert wurde, gebe es Millionen Partikel, die auf einen bestimmten Prozess hinweisen.

Inzwischen ist das Seibersdorfer Labor erfahren im Umgang mit dem heiklen Beweismaterial. „Wir haben enorm viel gelernt seit 1991“, sagt Donohue, „davor wussten wir nichts über Teilchen-Analyse. Jetzt sind wir state of the art.“ Früh fand das Labor, das bei den Irak-Inspektionen zwischen 1991 und 1998 über tausend Proben bekam, Materialien, die nicht zu den Verlautbarungen von Saddam Hussein passten. Die Tüchlein aus Nordkorea, die 1992 in Seibersdorf angeliefert wurden, zeigten Zerfallsprodukte, die Nordkoreas Angaben deutlich widersprachen.

Donohue räumt freimütig ein, dass Fehler möglich sind. So fand das Labor damals in Proben aus dem Irak hoch angereichertes Uran, das sich als irrtümliche Verschmutzung entpuppte. Die Panne führte zur Verfeinerung der Prozedur. Er weiß, dass der Nachweis klandestiner Aktivitäten trotz all der Apparate schwierig bleibt. Vor allem in Industriestaaten, in deren Atomanlagen ganz offiziell viele komplexe Vorgänge stattfinden. „Da sucht man nach einem Baum im Wald“, meint der Chefchemiker. Die Arbeit im Irak sei dagegen vergleichsweise einfach: „Im Irak suchen wir den Baum in der Wüste.“

Der erste Schwung ist fertig, bis auf zwei weitere Proben aus Bagdad, die noch unterwegs sind. Über Ergebnisse wird lächelnd geschwiegen. Die sind Chefsache. Selbst Generaldirektor al-Baradei drückte sich bei einem Briefing vor dem UN-Sicherheitsrat am vergangenen Freitag in New York sehr behutsam aus. Seit dem 27. November, erklärte er, habe die IAEA 109 Inspektionen an 88 Orten im Irak durchgeführt, zusätzliches Material des Irak durchgearbeitet und – mit Hindernissen – auch irakisches Personal befragen können. Bislang seien dabei „keine Beweise für verbotene nukleare Aktivitäten festgestellt worden“. Am kommenden Wochenende will al-Baradei in Bagdad auf mehr Material und die Befragung weiterer irakischer Experten drängen.

Man ist sehr vorsichtig bei der IAEA. Selten war das Verhältnis zu den beiden schwierigsten Kunden, Irak und Nordkorea, derart kompliziert. Beide bezichtigen die Behörde, ein Instrument der Vereinigten Staaten zu sein. Doch da enden die Gemeinsamkeiten schon. Während der Irak derzeit den Eindruck gehorsamer Kooperation zu erwecken sucht und die Inspektoren frei durchs Land eilen lässt, hat Nordkorea, seit 1994 unter Beobachtung, jetzt die Tür zugeschlagen. Demonstrativ wurden Ende Dezember die Siegel der IAEA vom Reaktor in Yongbyon, einem Kühlbecken und einer Plutonium-Fabrik entfernt, die Überwachungskameras verhängt und die Inspektoren ins nächste Flugzeug gesetzt. Sie hatten 14 Datenträger dabei und 200 gebrochene Siegel. Ende letzter Woche kündigte Nordkoreas Regime den Atomwaffensperrvertrag auf, angeblich aus Protest gegen die „feindliche Politik“ der Vereinigten Staaten.

Die Verwerfungen auf George Bushs „Achse des Bösen“ sind auch in der Wiener Atombehörde zu spüren. Offiziell appelliert man an Nordkorea, den folgenschweren Schritt zu überdenken. Inoffiziell zeigt man sich tief verstört über die amerikanische Strategie. „Sie haben es versaut“, heißt es auf den Korridoren der geschwungenen UN-Hochhäuser an der Donau.

Tariq Rauf, IAEA-Chef für Sicherheitspolitik, wurde vergangene Woche auf einer Tagung in London auch vor Publikum deutlich: Die „aggressive“ US-Politik lege in den Fällen Irak und Nordkorea „zweierlei Maß“ an, befand er. Der Irak, der sich endlich kooperativ zeige, werde mit Krieg bedroht, das Nordkorea-Problem hingegen heruntergespielt. Solch unterschiedlicher Umgang mit Missetätern „schwächt die Autorität und Integrität der internationalen Verifizierungs-Organisationen und der Nichtverbreitungsabkommen“. Zudem, mahnte Rauf, seien Inspektionen sehr viel effizienter als militärische Gewalt. Die habe schon im letzten Golfkrieg weniger als ein Viertel von Iraks Massenvernichtungspotenzial zerstören können.

Bislang hatte die IAEA das Gefühl, auf dem richtigen, wenngleich mühsamen Weg zu sein. Doch der politische Druck wächst. Eifrig, fast trotzig führt man in Wien Apparaturen zur weltweiten Überwachung von Atomanlagen vor – hoch sensible Spitzentechnik, mit der die Beamten fast alle Kraftwerke, Wiederaufbereitungsanlagen, Atomfabriken und -lager im Griff zu haben glauben. Überall trifft man auf selbstbewusste Experten wie Julian Whichello, den smarten Chef der Surveillance-Unit, der im Keller des Hauptquartiers an immer anspruchsvollerem Gerät zur Kontrolle von Nuklearanlagen schraubt. Die Räume sind gefüllt mit winzigen Kameras, Sensoren und voluminösen Computerschränken, deren elektronischen Eingeweide hervorquellen. Die Apparate müssen Manipulationen widerstehen und allzeit verlässliche Daten liefern, auch bei Hitze, Kälte, Stromausfall. Fünf blaue High-Tech-Metallkisten auf Rädern stehen schon für den Irak bereit. Sie steuern Kameras, mit denen sich heikle Anlagen jederzeit aus der Ferne beobachten lassen. „Das Wichtigste“, sagt Whichello, „ist die Sicherheit der Information.“

Einst war die IAEA der große Promotor der Atomenergie. Heute wirken viele Mitarbeiter eher wie Kriminalkommissare, die sich mühen, stets mit den Schurken Schritt zu halten. Die Arbeit sei detektivischer geworden, erzählt 23 Stockwerke höher Dirk Schriefer, Direktor für Safeguard Information Technology. „Wir reden öfter von Forensik.“ Beim Training der Inspektoren, sagt er, werde heute weniger auf Technik Wert gelegt, mehr auf die Schulung der Beobachtungsgabe und das Stellen der richtigen Fragen.

Der Irak war der größte Veränderungsmotor. Nicht nur bei der Technik, auch bei der Methodik. Die IAEA hat gewaltige Datenbanken angelegt, um Im- und Exportpapiere, amtliche Erklärungen, Aussagen von Überläufern, Publikationen, eigene Messergebnisse und Beobachtungen zu erfassen und zu vergleichen. Sie arbeitet jetzt, wie die Geheimdienste, mit hoch aufgelösten Satellitenbildern, auf denen man sogar Menschen erkennen kann. Die kann man heute kommerziell erwerben. „Für manche Projekte Geld zu bekommen“, sagt Schriefer lächelnd, „ist für uns derzeit gar nicht so schwer.“

Auch er ist stolz darauf, was die Organisation im Irak bis 1998 erreicht hat, wie viele Anlagen sie entdecken und unbrauchbar machen konnte. „Da war eigentlich nicht mehr viel übrig“, findet Schriefer. „Es ging vor allem darum, eine Wiederholung zu verhindern.“ Die Arbeit, sagen viele der Experten, ähnele der Suche nach der berüchtigten Nadel im Heuhaufen. Aber diese Nadel strahle zumindest. Anders als biologische und chemische Waffen habe Atom-Material den praktischen Vorteil, sich auch über eine gewisse Distanz bemerkbar zu machen. Zudem sei der Aufwand für den Bau von Nuklearwaffen groß. „Wenn wir genug Zeit haben“, sagen alle, „finden wir es.“

Nur Zugang muss man haben. Und der ist nicht überall gegeben. Die Atommächte Pakistan, Indien und Israel sind dem Atomwaffensperrvertrag gar nicht erst beigetreten. Die offene Verachtung der USA für multinationale Vereinbarungen, murren manche hinter vorgehaltener Hand, ermutige auch andere, das mühsam errichtete Regelwerk gering zu schätzen. Der Rausschmiss aus Nordkorea hat auf die Überwacher wie ein Schock gewirkt. Es war das erste Mal in 40 Jahren, dass die IAEA vor die Tür gesetzt wurde.

„Wir sind blind dort, raus aus dem Land, und die Überwachungs-Geräte laufen nicht mehr“, klagt Graham Andrew, Special Assistant des Generaldirektors, ein Mann, der die diplomatische Sprache beherrscht. Und doch nicht verbergen kann, dass ihm der Lauf der Dinge nicht behagt. Auf den Zwang angesprochen, dem UN-Sicherheitsrat in Sachen Irak bis zum 27.Januar Ergebnisse liefern zu müssen, bremst Andrew: „Wir gehen da nicht mit dem Fallschirm runter und machen dramatische Entdeckungen binnen weniger Wochen.“ Aber verlangt George Bush nicht just dieses? „Wir müssen solide technische, forensische Arbeit liefern“, kontert Andrew, „das braucht Zeit, vielleicht zwölf Monate. Wir können keine Abkürzung nehmen, um politische Absichten zu befriedigen.“

Da wird es lange Gesichter geben in New York, womöglich Streit. Für alle Fälle sollte der IAEA-Direktor ein weißes Tüchlein einstecken. Zum Schwenken.



 
 

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