bildung
Pu der Bär im Audimax
Von Ulrich Janßen und Ulla Steuernagel
Kinder-Universitäten sind eine der größten Neuerungen deutscher Hochschulen. Was lässt sich aus diesem Erfolg lernen? Von Ulrich Janßen und Ulla Steuernagel
Professor trifft Kind, Begegnungen dieser Art sind in Deutschlands Hörsälen keine Seltenheit mehr. 8- bis 12-Jährige übernehmen im Audimax die akademische Lufthoheit fröhlich mit Fragen und Papierfliegern. Sie werden von den ehrwürdigsten Universitäten mit Schokotalern und Harry-Potter-Inszenierungen verwöhnt und als ?Zukunft der Wissenschaft? begrüßt. Dabei zählt der Trubel im Hörsaal nicht unbedingt zum Bildungsauftrag der Hochschulen. Warum tun sich so viele Unis das an?
Nahezu 50 Gründungen solcher ?Kinder-Unis? gibt es mittlerweile in Deutschland, der Schweiz und Österreich ? damit hat sich diese Bewegung, die 2002 in Tübingen begann, ganz ohne politisches Zutun gewaltig ausgebreitet. Was lässt sich aus dieser erstaunlichen Entwicklung lernen?
Zunächst fällt auf, wie bereitwillig sich die Hochschulen für ihr neues Publikum von alten Gewohnheiten verabschieden. Normalerweise muss man für ein Studium vor allem Geduld und Disziplin mitbringen, Wissenschaft und Spaß scheinen sich geradezu auszuschließen. Während man sich als Student durch einen Berg langweiliger Fachliteratur durchzufressen hat und über viele Semester akademische Pflichten absolviert, um ? vielleicht ? irgendwann einmal zur eleganten Kür, zu den großen Erkenntnissen, vorzustoßen, beginnt die Kinder-Uni gerade andersherum.
Sie zeigt ihren Jungstudenten als Erstes die Kür, eine lustbetonte, unerschrockene Wissenschaft. In Kinder-Unis zaubern Professoren mit Spritzpistolen Regenbögen, schwingen Weihnachtskugeln wie Lassos über dem Kopf und projizieren an die Wand Bilder von Autos, die in Lavamassen versinken. Philosophen zitieren aus Pu der Bär und Oh,wie schön ist Panama, und ein Tübinger Juraprofessor trat sogar an der Seite von echten Polizeibeamten in einer volksbühnenreifen Darbietung auf.
Mit den schönen und spannenden Seiten der Wissenschaft zu beginnen, ihre Alltagstauglichkeit herauszustellen ist neu für viele Universitäten. Es ist jedoch das richtige Konzept, um später motivierte Studenten anzulocken. Kinder sind ein großartiges Testpublikum, schnell zu begeistern, schnell zu verärgern. Ohne Angst vor Klassenarbeiten oder Magisterprüfungen, kommen sie aus Neugierde in die Hörsäle. Eine Universität, der es gelingt, die Herzen dieser Zuhörer zu gewinnen, kann sich auf jede andere Zielgruppe einstellen.
Wer Kinder gewinnen will, braucht Fantasie, muss Geschichten erzählen, sich um Anschaulichkeit bemühen und darf keine Angst vor modernen Medien haben. Nach gut 100 Kinder-Uni-Veranstaltungen mit genauso vielen Dozenten und rund 65000 Zuhörern ist klar: Meist gelingt dies sogar. Deutsche Professoren sind viel weniger weltfremd und verknöchert, als viele dachten.
Sicher geht auch noch manches seinen alten akademischen Gang. An einer süddeutschen Hochschule etwa scheiterte der Versuch, eine Kinder-Uni einzurichten. Nachdem das Thema zunächst endlos vertagt worden war, wurde es schließlich nach alter Ordinarienherrlichkeit angegangen: Als Erster wollte der Rektor zu den Kindern sprechen, darauf sein Vize, und schließlich die Senatsmitglieder. Die Kooperationspartner, die das Thema vorgeschlagen hatten, wandten sich daraufhin entnervt an die Nachbar-Uni, die nun erfolgreich Kinder-Vorlesungen abhält.
Doch eine solche akademische Trägheit ist nicht die Regel. Fast alle Hochschullehrer, die sich in eine Kinder-Uni wagten, haben sich dort erstaunlich gut geschlagen. Ja, sie schienen fast auf eine solche Gelegenheit gewartet zu haben. Endlich konnten sie zeigen, was in ihnen und ihren Fächern steckt: dass die Grundfragen ihrer Wissenschaft nicht nur Angelegenheiten für Spezialisten, sondern für alle interessant sind. Was früher als angelsächsische Tugend galt, entdeckt mittlerweile die deutschsprachige Hochschulwelt: Es muss einem Wissenschaftler nicht mehr peinlich sein, sich einem nichtakademischen Publikum verständlich zu machen.
Dass eine Kinder-Uni-Vorlesung allerdings auch schief gehen kann, erlebte vor kurzem der Philosoph Volker Gerhardt an der Berliner Humboldt-Universität. Er wollte der Frage nachgehen: ?Warum wollen wir eigentlich etwas wissen?? Sein wohlüberlegter und gut ausgearbeiteter Vortrag, in dem er der unverstellten Erkenntnis willen bewusst auf Bilder und Musikeinlagen verzichtete, ging ähnlich unter wie ein Versuch, auf der Kirmes Konsumverzicht zu predigen. Die Kinder im hoffnungslos überfüllten Saal brüllten und lachten, rauften sich, warfen mit Notizblöcken und Papierfliegern und spuckten sogar von den Rängen. Solche Respektlosigkeiten und Pöbeleien hatten sich zuletzt die 68er erlaubt. Mit dieser praktischen Wissenschaftskritik muss man an deutschen Hochschulen erst mal wieder umgehen lernen.
Neben herber Kritik (?Ich finde den Mann soooo langweilig!?) bekam Gerhardt aber auch Zuspruch von den Kindern. Auf der Homepage der Humboldt-Uni schreibt etwa ein Neunjähriger: ?Ich konnte leider nicht so viel sehen und hören, weil 2 Große vor mir gequatscht haben. (?) Meine Schwester hat mir anschließend alles erzählt.? Ist das nicht der Traum eines jeden Lehrers, Kinder in freiwillige Fachgespräche zu verwickeln?
Solche Zuschriften zeigen, dass die Kinder nicht allein der Gedanke befriedigt, Universität zu spielen und akademisch zu tun. Sicher wollen sie den Show-Effekt mit Studentenausweis, Mensa-Berechtigung und Vorlesungsstempeln, aber sie möchten auch etwas verstehen und mitnehmen. Dass Erwachsene, wenn sie sich ein bisschen Mühe geben, verständliche Erklärungen liefern können, beweist Woche für Woche Die Sendung mit der Maus. Manchmal hört man Lehrer stöhnen, diese Sendung sei das Schlimmste, was dem Schulunterricht passieren konnte. Sie habe die Kinder so verwöhnt, dass sie keinen trockenen Stoff mehr schlucken wollten. Jetzt scheint die Maus endlich an den Unis angekommen.
Gleichzeitig nagt die Kinder-Uni an den universitären Strukturen. Bis vor kurzem wäre es kaum denkbar gewesen, dass Impulse für das Hochschulangebot nicht aus der Universität selbst kommen. In Tübingen dagegen griff das Uni-Presseamt die Idee der ortsansässigen Zeitung auf. Andere Hochschulen lassen sich mittlerweile von einer Kindersendung, dem Tigerentenclub des Südwestrundfunks, sponsern; wieder andere arbeiten mit Kinderzeitschriften gemeinsam an dem großen Auftrag Verständlichkeit.
Auch Stiftungen sind eingestiegen, in Salzgitter die Volkswagenstiftung oder in Hamburg die Körber-Stiftung. Dass die Dritten mit ihrem Kinder-Uni-Engagement auch das eigene Interesse im Blick haben, stört die Universitäten wenig. Schließlich geht es ihnen ja selbst nicht anders. Die Universitäten haben entdeckt, dass sie ein riesiges Wissens-, Traditions- und Vertrauenspotenzial besitzen, und sie nutzen es entschlossen, um Marketing in eigener Sache zu betreiben. Sie wissen, dass sie in Zukunft um ihre Studenten und deren Geld werben müssen wie um Kunden. Zielgruppengerechte Ansprache, professionelle Selbstdarstellung, überzeugendes Event-Management sind Qualitäten, die Kinder-Universitäten beherrschen müssen und die auch im Konkurrenzkampf um Studenten, Professoren, Politiker und Fördermittel nicht schaden.
Ob die Kinderstudenten später einmal an die Unis drängen, wird sich zeigen. Erste Anzeichen deuten durchaus darauf hin: In Mainz zum Beispiel haben 30 Prozent der Chemie-Erstsemester früher einen der Harry-Potter-Zauberworkshops besucht, die Lehrkräfte des Faches seit Jahren für Schüler anbieten. Wenn das kein Erfolg ist!
Nun besteht nur noch die Gefahr der Übertreibung: Werden Kinder schulklassenweise zu den Vorlesungen zwangsverpflichtet, könnte sowohl den Lehrenden als auch den künftigen Hoffnungsträgern bald die Lust vergehen. Wird hinterher gar noch mit einer Klassenarbeit das neue Wissen abgefragt, wäre wohl die Zeit für den ersten Kinder-Uni-Streik gekommen.
Die Autoren sind Redakteure des ?Schwäbischen Tagblatts? in Tübingen und haben 2002 den Anstoß zur ersten Kinder-Uni Deutschlands gegeben