Ausgabe 10/2004
 
bildung

Ein demokratischer Königsweg

Von Paul B. Baltes
 
Ein Vorschlag zur Elite-Debatte: Universitäten sollten einen Bonus für erfolgreich eingeworbene Fördermittel bekommen /Von Paul B. Baltes
 
Der Reformgang deutscher Universitäten ist komplex. So geht es beispielsweise um Fragen von Prioritäten in Lehre und Forschung, um organisatorische Neuerungen sowie die Stärkung universitärer Autonomie. Ein unverzichtbares Element jedoch sind Finanzierungsstrategien. Von daher war der therapeutische Anstoß, Elite-Universitäten auszuwählen und ihnen eine Sonderfinanzierung zu gewähren, wichtig, wenn auch aus meiner Sicht keineswegs das Medikament der Wahl. Ich plädiere für ein überzeugend einfaches Verfahren: einen Universitätsbonus bei der Vergabe von Fördermitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Ganz bewusst bewege ich mich dabei innerhalb des Finanzrahmens, den Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn für das Projekt Elite-Universität angedeutet hat. Die Gelder müssen der DFG zusätzlich zur Verfügung stehen.



Ein solcher Bonus, ?Overhead? genannt, ist vor allem aus der amerikanischen Forschungspolitik bekannt. Es handelt sich um einen Betrag, der auf die Summe des Forschungsprojektes aufgeschlagen wird. Dieses Geld kommt zunächst nicht dem Forscher direkt zugute, sondern dem Haushalt seiner Universität. Begründet wird der Overhead mit den Infrastrukturkosten (Bibliotheken, Labors, Rechenzentren und so weiter), welche die Universität dem Forscher zur Verfügung stellt. Ich schlage vor, dass etwas Vergleichbares in Deutschland zur Regel wird.



Konkret: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) verteilt jährlich fast zwei Milliarden Euro. Auf alle im Peer-Review-System genehmigten DFG-Forschungsanträge wird automatisch ein Universitätsbonus von 10 Prozent addiert. Auf die genauen Zahlen kommt es hier nicht an. Die Zahl 10 ist nur deshalb als Beispiel gewählt, weil sie etwa 200 Millionen Euro im Jahr entspricht, also dem Betrag, der gegenwärtig in der Diskussion zur Sonderförderung von Elite-Universitäten gehandelt wird. Meine Erfahrungen in den USA legen nahe, dass der administrative Universitätsbonus eher bei 30 Prozent liegen sollte, wenn wir einem Teil unserer Universitäten eine echte Chance geben wollen, in der universitären Weltliga mitzuspielen.



Folgt man jedoch meinem Beispiel und überträgt es auf ein Fünfjahresprogramm, ergibt sich in der Gesamtsumme nach fünf Jahren immerhin für alle deutschen Universitäten ein Haushaltszuwachs von einer Milliarde Euro.



Das Förderungsinstrument des DFG-Universitätsbonus ist fair, aber es arbeitet nicht nach dem Gießkannenprinzip. Es basiert auf dem Prinzip der Chancengleichheit, in seiner Realisierung trägt es aber zu leistungsbezogener Differenzierung bei ? und ist daher elitefördernd. Erfolgreiche und auch größere Universitäten erhalten im Durchschnitt größere Zuschläge. Bei einer jährlichen DFG-Drittmitteleinwerbung von 100 Millionen Euro durch Angehörige einer Universität sind dies für diese Universität 50 Millionen nach fünf Jahren.



Es wären also stattliche Beträge, die der jeweiligen Universitätsleitung überwiesen würden. Wie die Universitäten diesen DFG-Bonus verwenden, sollte ebenso zum Wettbewerb gehören. Dabei werden die meisten Hochschulen das zusätzliche Geld in die Verbesserung der forschungsbezogenen Infrastruktur investieren. Andere könnten sich dazu entschließen, ein Orchideenfach oder auch die Lehre zu befördern, so dies zu ihrem Spitzenprofil gehört oder gehören soll.



Was ist das Bestechende an diesem Verfahren?



Erstens: Es bleibt uns eine komplexe, neue Bürokratie der Selektion und Bewertung erspart, um die potenziellen Elite-Universitäten auszuwählen. Was man bei der DFG zusätzlich braucht, ist nichts anderes als ein Taschenrechner und die Kontonummer der entsprechenden Universität.



Zweitens: Die Länder sollten diesem Verfahren zustimmen können, denn es bietet kurz- und langfristig vergleichbare Chancen für alle Universitäten, auch ihre landeseigenen. Wenn sich Bund und Länder zusammentun, kommen insgesamt sogar mehr als 10 Prozent heraus, vielleicht gar 20 Prozent.



Drittens: Das Modell nimmt Abstand von der einzigen, wirklich fragwürdigen Idee der Diskussion um Elite-Universitäten, nämlich dass diese von oben angeordnet und sozusagen für alle Zeiten ausgewählt werden könnten.



Viertens: Es spiegelt die Tatsache wider, dass Universitäten als Einheiten zu groß sind, um in ihrer Gesamtheit in die Weltliga befördert zu werden. Es erlaubt also die Entwicklung von mehr oder weniger großen Centers of Excellence an allen Universitäten; und es hilft den Universitätsleitungen bei der differenzierten Zuweisung ihrer Gelder. Sie könnten sich entschließen, mit dem Geld ein Orchideenfach oder auch die Lehre zu fördern.



Fünftens: Das Modell ist dynamisch und adaptiv, das heißt, es korrigiert sich ständig selbst. Das System verhindert damit Verkrustungen aufgrund gegenwärtiger Selektionsprozesse und wirkt nachhaltig.



Sechstens: Der Bonus reflektiert die Qualität der Forschung, wie sie existiert, wie sie sich entwickelt und im Peer-Review-System zum Tragen kommt. Die Unsicherheiten, die es bei Peer-Review-basierten Evaluationen gibt, gilt es sicherlich zu minimieren. Ebenso sollte die Internationalität der Begutachtung gestärkt werden. Aber diese Zielsetzungen gehören bereits heute zur Agenda der DFG.



Siebtens: Schließlich ist das System transparent. Dies ist deshalb wichtig, weil alle, Wissenschaftler und Universitäten zugleich, die Möglichkeit haben, sich in diesem System nach vorne zu arbeiten. Ohne die Utopie des Fortschritts verarmt der Geist.



Ich hege keinen Zweifel, dass dieser einfache Reformvorschlag verbesserungsfähig und in weitere Reformmaßnahmen einzubetten ist. Die jüngsten Erklärungen des Senats der Hochschulrektorenkonferenz enthalten viele bedenkenswerte Anregungen. Sie enthalten auch das für meinen Vorschlag grundlegende Bekenntnis zu einem nach wissenschaftlichen Kriterien ausgerichteten Wettbewerb und der hieraus resultierenden Profilbildung und Differenzierung der Hochschulen. Aber sobald man über solche Ausdifferenzierungen und das größere Paket der Empfehlungen nachdenkt, verliert man sich leicht in einem Dickicht von unterschiedlichen Wegen und Emphasen. Jetzt geht es um die Umsetzungsstrategien, die einfach und konsensfähig sind. Der DFG-Universitätsbonus gehört dazu.



Der Overhead bei erfolgreicher DFG-Antragsstellung ist der demokratische Königsweg. Er zielt auf die Stärkung der universitären Infrastrukturen, nicht auf mehr Forschung, sondern auf bessere Forschungsbedingungen. Und er ist einfach. Ohne weitere Veränderung im System der Förderung und Evaluation kann er mittelfristig in den Himmel der Spitzenuniversitäten auf Weltniveau führen.



Aber gehe das nicht viel zu langsam, höre ich die Kritiker einwenden. Man wolle die Spitzenuniversität doch am liebsten schon nächstes Jahr, nicht erst in 10 bis 15 Jahren. Abgesehen davon, dass man darüber streiten kann, ob dies eine Jahres- oder eine Generationsaufgabe ist, gilt wahrscheinlich zumindest in den ersten Jahren folgendes Prinzip: je größer der administrative DFG-Universitätsbonus, umso schneller die Reform und umso länger die Schritte in Richtung auf ein Mehr an Spitzenuniversitäten. Daher wäre es bedenkenswert, den Universitäts- oder Forschungsbonus in den kommenden Jahren so hoch wie möglich anzusetzen, um ihn dann sukzessiv den existierenden Bedingungen anzupassen.



Vielleicht gelingt unserem Regierungssystem ja anfangs der 20-Prozent-Wurf, der sich dann im Laufe der Gesundung der Hochschulen auf 15 Prozent reduzieren lässt. Dies wäre eine aus Chancengleichheit und Wettbewerb geborene universitäre Enwicklungschance par excellence, und dies ohne Bürokratie und große Transaktionskosten. Ein echter Selbstläufer.







Paul B. Baltes ist Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin



 
 

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