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Ausgabe 10/2004
 
computer

Ballern gegen den Feind

Von Alfred Hackensberger
 
In blutrünstigen Computerspielen proben arabische und israelische Jugendliche den Krieg im Nahen Osten /Von Alfred Hackensberger
 
Das Internet-Café ist mit Sandsäcken verbarrikadiert, an den Wänden hängen Plastik-Kalaschnikows, und draußen flattern die Flaggen des Libanons und der Hisbollah im Wind. ?Wir wollten eine passende militärische Atmosphäre schaffen?, erzählt Hassan Sidani, der Besitzer des Internet-Cafés in einem vorwiegend von Schiiten bewohnten Stadtteil von Beirut. Drinnen an den Computern zielen Jugendliche auf den Kopf von Israels Premierminister Ariel Scharon, jagen israelische Panzer in die Luft oder erobern gerade einen Außenposten der ?israelischen Okkupationsarmee? im Südlibanon. Sie spielen Special Force, das erste Computerkriegsspiel der libanesischen Partei und Guerilla-Organisation Hisbollah. ?Ein gutes und wichtiges Spiel?, erklärt der 16-jährige Wissam stolz. ?Endlich sind die Araber nicht mehr die dummen Verlierer, sondern die Sieger.? ©



Beirut



Das Kriegsspiel der ?Partei Gottes? ist als eine Art digitales Denkmal gedacht, das an die Vertreibung der israelischen Besatzungsmacht aus dem Südlibanon im Jahr 2000 erinnert ? den einzigen militärischen Triumph, der je von arabischer Seite über Israel errungen wurde und der die Hisbollah zu einer der populärsten politischen Gruppierungen im Libanon werden ließ. Special Force, im vergangenen Jahr veröffentlicht, ist damit ein weiterer Schachzug im ständig schwelenden Propagandakrieg mit Israel und den USA, die die Hisbollah lieber heute als morgen auf die Liste der Terrororganisationen setzen würden.



Das Spiel zeigt islamische Soldaten auf ?Befreiungsmissionen? und glorifiziert die ?Widerstandsbewegung gegen Israel?. Damit versucht die Hisbollah, eine Medienlücke zu schließen. Was der Sender al-Dschasira im Nachrichtengeschäft ist, will die Guerilla-Organisation im Computer-Entertainment sein: eine arabische Gegenöffentlichkeit zur prowestlichen Dominanz.



?Special Force ist nur der erste Schritt. Mit der Zeit wird die Bewegung größer und größer werden?, prophezeit Bilal Zeyn vom Internet-Büro der Hisbollah in einem Vorort von Beirut. ?Ich setze auf das Schneeballsystem?, sagt der vollbärtige Enddreißiger. Hinter ihm hängt ein überlebensgroßes Porträt von Ajatollah Chomeini. ?Was man in den meist amerikanischen Spielen geboten bekommt?, erklärt er weiter, ?ist eine Demütigung für islamische und arabische Länder.? Arabische Soldaten und Zivilisten taugten gewöhnlich nur als terroristisches Kanonenfutter, und der Held, der sie tötet, sei in der Regel Amerikaner. ?In Special Force sind die Araber keine Terroristen, sondern Freiheitskämpfer.?



Mit dieser Umwertung der Werte kommt die Hisbollah einem großen Bedürfnis in der arabischen Welt nach. Gerade in Zeiten des ?Kriegs gegen den Terror? hat eine eigenständige arabische, antiwestliche Identität Hochkonjunktur. ?Bekämpfe deinen Feind! Nimm Teil am großen Sieg!?, tönt ein Werbespot für Special Force im Hisbollah-eigenen TV-Sender al-Manar, der über Satellit zu empfangen ist und hohe Einschaltquoten im gesamten Nahen Osten hat. ©



Von Special Force, das die Computerabteilung der Hisbollah in zweijähriger Arbeit entwickelt hat, wurden bisher insgesamt rund 15000 Stück zu einem Preis von sieben Dollar verkauft ? hauptsächlich nach Syrien, Iran, Kuwait und in die Vereinigten Arabischen Emirate. Nach Europa und Australien gingen laut der Vertriebsgesellschaft Sunlight gerade mal 1200 Exemplare. Dennoch regt sich in der westlichen Welt der stärkste Protest gegen das Spiel. In Großbritannien wurde es von jüdischen Organisationen aufs schärfste verurteilt. ?Es ist traurig?, sagte Neville Nagler, der Leiter des Board of Deputies of British Jews, ?dass so viele Menschen in diesem Land dieses Spiel spielen.? In Australien nannte es der Labour-Parlamentarier Michael Danby ?entmenschlichend?. Es würde ?junge Menschen dazu ermutigen, an Selbstmordattentaten und an Angriffen gegen Menschen aus dem Westen teilzunehmen?.



Für Bilal Zeyn vom Internet-Büro der Hisbollah sind das die ?typischen Doppelwertigkeiten des Westens?. In Special Force, so erklärt er, ?werden keine Zivilisten getötet, es werden ausschließlich militärische Ziele angegriffen. Vergleichen Sie doch das mal mit anderen Spielen.? Er zielt damit auf Spiele wie America?s Army und Israeli Airforce, die beide im Auftrag der Militärs entwickelt wurden und etwa auf der Web-Seite der US-Armee zu finden sind. Knapp 1,5 Millionen Spieler sind dafür registriert, und von den 35000 Menschen, die es täglich spielen, klicken laut US-Verteidigungsministerium zwischen 20 und 30 Prozent die Rekrutierungs-Seite der Armee an. In America?s Army muss der Spieler nach einem harten militärischen Training Terroristen im Irak und Afghanistan ?vernichten?, wobei es keine Rücksichten auf Kollateralschäden gibt.



Ganz ähnlich verhält es sich bei Israeli Airforce, das von der israelischen Softwarefirma Pixel Multimedia entworfen wurde. Als Pilot eines israelischen Kampfflugzeugs, wahlweise im Krieg von 1967 oder während der Invasion des Libanons 1982, kann man über arabische Einsatzgebiete rauschen und Optionen wie ?Carpet bombing over Beirut? wählen. Beide Spiele wurden in einschlägigen Magazinen und Web-Seiten wegen ihrer ?realistischen Wiedergabe? gerühmt. Tatsächlich beruhen sie, wie auch das Hisbollah-Spiel Special Force, auf realen Ereignissen. Die Informationen, so heißt es in der Werbung zu allen drei Spielen, hätten die Geheimdienste und die entsprechenden militärischen Stellen zur Verfügung gestellt.



Ein anderes arabisches Computerspiel, Under Ashes von der in Damaskus ansässigen Firma Dar al-Fikr, thematisiert die Intifada der späten achtziger Jahre. Auf verschiedenen Levels folgt man der kontinuierlichen Radikalisierung von Achmed, einem 19-jährigen palästinischen Jungen. Sein Elternhaus wird von israelischen Bulldozern platt gewalzt, er wirft Steine während der Intifada, erfährt neue Ungerechtigkeiten und nimmt danach den gewaltsamen Kampf gegen israelische Soldaten und bewaffnete Siedler auf. ?Wir erzählen?, sagt Hassan Salem von Dar al-Fikr, ?einfach die Geschichte von einem entwurzelten Volk, dessen Kinder getötet werden.?



Die propagandistische Zielrichtung ist klar, man möchte das ?Recht auf bewaffneten Widerstand? nicht nur verständlich machen, sondern auch legitimieren. Darüber hinaus geht es Hassan Salem um ?ein Gegengewicht zum schlechten Einfluss, den US-amerikanische Spiele haben?. Bezeichnenderweise gibt es bei Under Ashes keine Selbstmordattentäter, die sich im Café oder im Bus in die Luft sprengen. Sobald ein Zivilist getötet wird, heißt es ?Game over? ? eine Konzession an die Political Correctness, denn offiziell ist die Position Syriens eine gänzlich andere. Außerdem standen bei der Veröffentlichung des Spiels vor zwei Jahren der Irak-Krieg und die Zuspitzung des Palästina-Konflikts noch bevor. Allein im ersten Monat nach dem Erscheinen wurden über 10000 Stück verkauft. Einen Bezug über das Internet verhinderten aber israelische Hacker, die die Web-Seite von Under Ashes immer wieder lahm legten. ©



Die Kids in den Internet-Cafés in Beirut interessieren sich wenig für die Geschichte von Achmed. ?Die meisten kennen das Spiel gar nicht?, sagt einer der Studenten, die im Starcafe als Internet-Supervisor arbeiten. ?Spiele bleiben nur über einen kurzen Zeitraum interessant. Dann wird etwas Neues gesucht.? Außerdem müsse es schon richtig scheppern und krachen. Die jungen Computerkids seien ?eine radikale Generation?, sagt Ziad Abbas vom Ibdaa-Kulturzentrum in Deheishe, einem Flüchtlingslager im Westjordanland. ?Die wollen einfach schießen, da gibt es einen inneren Antrieb. Sie sind daran gewöhnt.? Eigentlich wolle man ihnen sinnvolles Computerwissen beibringen, ?aber wenn man sie nicht spielen lässt, dann kommen sie nicht mehr ins Kulturzentrum.?



Um den Bedürfnissen der Spieler entgegenzukommen, werde es künftig häufig Updates von Special Force geben, kündigt Bilal Zeyn vom Internet-Büro der Hisbollah an. ?Und die neue Version wird wesentlich ausgefeilter sein, mit Hubschraubern und vielerlei neuen Missionen.? Außerdem würde an einem ganz neuen, völlig anderen Spiel gearbeitet. Aber darüber könne er keine Informationen geben, sagt er, verschränkt die Hände selbstzufrieden im Schoß und lächelt zuversichtlich ? ganz wie der überlebensgroße Ajatollah Chomeini an der Wand.



 
 

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