porträt
Die Legende von Volk und Wagen
Von Kai Michel
Wolfgang König ist für Technik nur schwer zu begeistern. Der Zufall machte ihn zu Deutschlands führendem Technikhistoriker /Von Kai Michel
Alles kommt wieder. Ganz bestimmt auch das deutsche Auto, das sich das gemeine Volk leisten kann. Die Forderung nach einem solchen Gefährt hat jetzt Klaus Volkert, Betriebsratschef bei VW, in die Öffentlichkeit gebracht: Er wolle endlich wieder einen ?Volkswagen?, der diesen Namen verdiene.
Als er das hört, muss Wolfgang König lachen: So ungefähr lautete einst das Anforderungsprofil an den ersten in Wolfsburg produzierten Volkswagen. Ferdinand Porsche konstruierte ihn. Adolf Hitler stand Pate. Doch der Wagen war ein Flop.
Es dauerte allerdings lange, bis König, heute Professor für Technikgeschichte an der TU Berlin, herausfand, dass die Nazikarre eine Innovationspleite war. ?Von Volkswagen und Volksempfänger?, sagt der 1949 in Pirmasens Geborene, ?hörte ich in meiner Jugend an Familienabenden oder später an Stammtischen ? und zwar immer dann, wenn es um die angeblich guten Seiten des Nationalsozialismus ging.? Das Getöse der Propaganda, die die ?Volksprodukte? als Erfolge verkauft hatte, hallte offensichtlich lange nach. Dabei waren sie erstens keine originäre Erfindung der Nazis (Pläne für einen Volkswagen wurden bereits vor dem Ersten Weltkrieg diskutiert) und zweitens ein wirtschaftlicher Reinfall.
Stolz kramt der Professor einen Verlagsprospekt hervor: Volkswagen, Volksempfänger, Volksgemeinschaft heißt ein neues, bald bei Schöningh erscheinendes Buch, in dem die neue Sicht auf die angeblichen Erfolgsprodukte nachzulesen ist. König hat es verfasst. Das Coverfoto zeigt Hitler bei der Besichtigung eines VW-Cabriolets. ?Sie müssen wissen: Ich bin ein Bücherschreiber?, sagt König, als er sich auf seinen Schreibtischstuhl gesetzt hat und noch immer mit seinen über 1,90 Meter Körpergröße in den Himmel zu ragen scheint. Wer ihn für ein Projekt ködern möchte, verrät er augenzwinkernd, tue das am besten mit dem Hinweis auf das Buch, das am Ende dabei herauskommen könne.
Der Volkswagen ging zu Nazizeiten nicht einmal in die Serienproduktion. ?Es gab nur ein paar Prototypen?, erzählt König. Daran war nicht nur der Krieg schuld. 990 Reichsmark (RM) sollte der von Hitler festgelegte Preis betragen. Die Herstellungskosten lagen deutlich höher. Für die Wirtschaft wäre die Serienproduktion zu einem gigantischen Verlustgeschäft geworden. Ein wirklicher ?Volkswagen?, sagt König, hätte ein Leichtfahrzeug sein müssen oder ein dreirädriges Auto mit einer Motorradmaschine. ?Pläne dafür gab es.? Aber die Ideologie forderte ein familientaugliches Auto. Zwei Erwachsene und drei, vier Kinder sollten hineinpassen. ?Eine Durchschnittsfamilie mit ihren 160 Reichsmark im Monat hätte sich den Unterhalt gar nicht leisten können.? Der hätte mit monatlich gut 70 Reichsmark zu Buche geschlagen.
Gleiches gelte für den Volksempfänger, sagt König. Den Auftrag ?Ganz Deutschland hört den Führer? konnte er nicht erfüllen. Die ?Radiosierung? erreichte gerade mal zwei Drittel der Haushalte. Skandinavien war zu dem Zeitpunkt viel weiter. Der Kaufpreis von 76 Reichsmark schien zwar günstig, die monatliche Rundfunkgebühr von zwei Reichsmark aber konnten sich die kleinen Leute nicht leisten. Mit der finanzierte sich übrigens das Propagandaministerium. Der Volksempfänger-Spottname ?Goebbels? Schnauze? passte also.
Hinter der geplanten Lancierung der Volksprodukte stand eine politstrategische Absicht. ?Sie sollten als Versprechen künftigen Wohlstands integrierend wirken und über die täglichen, der militärischen Aufrüstung geschuldeten Entbehrungen hinwegtrösten?, sagt König. Von ihnen profitieren sollten vor allem jene, die sich sonst teure Produkte geleistet hätten. Die allgemeine Erwartungshaltung, die die Propaganda schuf, wurde erst im Wirtschaftswunder befriedigt. Dann, nach dem Krieg, machte der Volkswagen ? zum Käfer entnazifiziert ? Karriere. Und an diese wird VW-Betriebsratschef Volkert wohl gedacht haben.
?Auch mein erstes Auto war ein VW?, sagt König. ?Jahrgang 1949! Da musste man noch Zwischengas geben.? An seinem Käfer hat er viel gebastelt. Schließlich wollte er rasanter unterwegs sein als der betagte Vorbesitzer. Doch von einem gewissen Punkt an zeigte der frisierte Wagen Schwächen: ?Irgendwann kam ich die Hügel nur noch im Rückwärtsgang hoch.? 230000 Kilometer zeigte der Zähler, als er ihn verschrotten ließ.
König ? ein Tüftler? Wer erlebt, mit welcher Liebe zum Detail sich der Professor in seinen Vorlesungen über die Entwicklung vom Tiegeldruck zur Schnellpresse und zum Rollen-Rotationsdruck auslässt, geht jede Wette ein: König ist ein Technik-Freak! Er muss besessen sein, sonst würde er nicht behaupten, bei einem transatlantischen Telefonat heraushören zu können, ob es per Satellit oder Glasfaserkabel geführt wird. Der Zuhörer verdoppelte gar den Wetteinsatz, sähe er des Professors umfangreiche Publikationsliste. Nicht nur die fünfbändige Propyläen Technikgeschichte hat er herausgegeben, sondern auch die Anfänge der Elektrotechnik ausgelotet. Und die Ingenieur-Ausbildung ergründet. Und sich in die Rationalisierungsbestrebungen im Maschinenbau vertieft.
Doch auf sein Faible für Technik angesprochen, lacht der Professor und sagt: ?Nein.? Als Kind sei er nicht technikbegeisterter gewesen als andere Jungen. Erst auf Nachfrage gibt er zu: ?Gut, ich habe gerne am Motorrad eines Kumpels herumgeschraubt.? Eine Kreidler-Rennmaschine war das. Umgehend kommt die Einschränkung: ?Ich hielt aber nur den Schraubenschlüssel.? Wichtiger als die Technik seien ihm andere Interessen gewesen: Bücher, Reisen, Sport. Er finanzierte sein Geschichts- und Geografiestudium mit Kletterkursen, die er für den Alpenverein gab. Er war mal Eifelmeister im Skilanglauf und heute Morgen ?vermutlich der einzige Berliner auf Skiern? ? und das bei gerade mal drei Zentimeter Schnee.
Der vorgeblich nicht an Technik interessierte Mann behauptet, ?durch Zufall? zu Deutschlands führendem Technikhistoriker geworden zu sein. Nachdem er über die Universitätsreform in Bayern 1848/49 promoviert hatte, bot man ihm zwei Stellen an. Lektor für Geografie war die eine. Referent für Technikgeschichte beim Verein Deutscher Ingenieure die andere. Daraufhin machte er das Zweite so gut, dass die TU Berlin ihn acht Jahre später zum Professor berief. Das war 1985.
Damals stand in Königs Disziplin ein Paradigmenwechsel an. Es gab die Ingenieure, die die Geschichte ihrer Disziplin pflegten, indem sie die Erfinder von Dampfmaschinen herunterbeteten ? Papin, Newcomen, Watt ? und minutiös den Detailwandel an Kolben und Zylinder registrierten. Daneben erforschten seit den siebziger Jahren Historiker die Technik respektive deren ?sozioökonomische Produktionsbedingungen?. Was aber mit der Technik gemacht, wie sie konsumiert wurde und welchen Einfluss das auf die Erfindungen hatte, darum kümmerte sich kaum einer. ?Das Resultat waren Wälzer über die Textilindustrie, die ohne eine Zeile zum Thema Mode auskamen?, sagt König. Erst seit kurzem widmet sich die Technikgeschichte ? und Wolfgang König ganz besonders ? der anderen Seite: der des Konsums als treibende Kraft der technischen Entwicklung.
Von einer Konsumgesellschaft kann man erst sprechen, seit Menschen über Zeit und Geld zum Konsumieren verfügen. Erst im späten 19.Jahrhundert tritt der Überfluss an die Stelle des Mangels, das Begehren an die des Entbehrens, die Freizeit an die der Arbeit, heißt es in Königs Geschichte der Konsumgesellschaft. An ihrem Anfang zitiert er Henry Ford, der in den zwanziger Jahren schrieb: ?Ein amerikanischer Schulbub ist im allgemeinen von mehr Sachen umgeben als eine ganze Eskimogemeinde. Das Inventar von Küche, Speisezimmer und Schlafstube stellt eine Liste dar, die selbst den luxuriösesten Potentaten vor 500 Jahren in Erstaunen versetzt haben dürfte.? Blickte Ford heute in ein Kinderzimmer, es erginge ihm kaum anders.
Lebt der Westen im Zeitalter des Konsumterrors? König winkt ab. ?In den Siebzigern glaubten viele, dass uns alles oktroyiert werde von einer gewinnsüchtigen, kulturzerstörenden Industrie.? Die Menschen werden aber nicht gezwungen. Was angeboten wird, ist das, was sie wollen. ?Das muss man akzeptieren, man muss es ja nicht gutheißen?, sagt König. Zwar mag der Konsument in seiner Entscheidung keineswegs souverän sein, aber er ist eben auch nicht gänzlich fremd gesteuert. Das zeigten gerade die nationalsozialistischen Volksprodukte: Trotz Propaganda ? größer kann Konsumterror kaum sein ? widerstand die Masse.
In der Konsumgesellschaft spielen nicht mehr bloß die Grundbedürfnisse eine Rolle. Es ist der Wille zur Individualität, der in der satten Bevölkerung zum Katalysator wird. Da wird aus einem Toaster schnell ein Designobjekt: Zeige mir, was du konsumierst, und ich sage dir, wer du bist! Wer dabei seinen Blick bloß auf die Technik wirft, ist außerstande, zu prognostizieren, welche Innovationen sich auf dem Markt durchsetzen werden. ?Nehmen Sie die SMS?, sagt König. ?Für die Industrie war das eine völlige Nebensache. Kein Mensch sah das Riesengeschäft.? Auch deshalb werden heute Produkte mit Features voll gestopft. Man weiß ja nie. Auch die Verbreitungsrichtung hat sich umgekehrt: früher des Preises wegen von oben nach unten, heute meistens umgekehrt. Er selbst ist hierzu das beste Beispiel: Während DVD-Player beim Discounter massenhaft unters Volk gebracht werden, diskutiert der Professor mit seiner Frau noch heute über den Kauf eines Videorecorders.
Das letzte Wort darüber, welche Innovation sich durchsetzt, liegt beim Verbraucher. Aus dieser Erkenntnis leitet König dessen besondere Verantwortung ab und scheut sich nicht, von einem ?Bildungsauftrag in Sachen Konsum? zu sprechen.
Hat er deswegen keinen Videorecorder? Lebt der Lehrmeister ein Leben als Mahner zur Mäßigung? In seinem Büro stehen massenhaft Bücher. Dort ein alter Röhrenmonitor. ?Handy hab ich auch keins.? Sogar ein Leben ohne CD-Player führt der Technikhistoriker. Ein Aufruf zum strikten Konsumverzicht? König schüttelt den Kopf. ?Die Entscheidung gegen den Videorecorder ist ja die Entscheidung für das Notebook, an dem ich meine Bücher schreibe.? Er versuche einzig, die Technik so weit in sein Leben zu integrieren, dass die Souveränität erhalten bleibe.
Unter diesem Aspekt ist nachvollziehbar, warum auch ein Anrufbeantworter nicht ins Leben des Professors gehört. Denn die Maschine tut nicht, was sie verheißt: ?Der antwortet ja gar nicht, sondern verpflichtet mich dazu.? Also sagt Wolfgang König eben oft und gern: Technik, bitte draußen bleiben!
Wolfgang König
ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass in der Technikgeschichte auch der Konsum als innovative Kraft erforscht wird – und nicht nur die Meilensteine des Ingenieurwesens. Im Frühjahr erscheint sein Buch „Volkswagen, Volksempfänger,
Volksgemeinschaft“, in dem er die Mythen um die „Volksprodukte“ der Nazizeit demontiert. König ist Vorsitzender der Gesellschaft für Technikgeschichte und lehrt an der Technischen Universität Berlin