08.04.05
Belgische Ärzte für die Legalisierung der Euthanasie bei schwerkranken Kindern
Die meisten Kinderärzte im belgischen Flandern befürworten die Legalisierung tödlicher Medikamente zur Sterbehilfe bei einigen schwerkranken Babys und Kleinkindern, zeigt eine Umfrage. Ärzte werden immer öfter mit Entscheidungen zur Sterbehilfe bei schwerkranken Kindern konfrontiert. Über die Häufigkeit solcher Entscheidungen in der Bevölkerung, über die klinischen und demographischen Charakteristika der Patienten und über die Haltung der Ärzte, die für diese Patienten sorgen, ist wenig bekannt.
Luc Deliens von der Freien Universität Brüssel und seine Kollegen analysierten die Todesscheine aller Neugeborenen und Kinder in ganz Flandern, die zwischen August 1999 und Juli 2000 gestorben waren. Innerhalb des Beobachtungszeitraums wurden 292 Kinder zwar lebend geboren, starben aber im Verlauf des ersten Lebensjahres. 175 verantwortliche Ärzte konnten herausgefunden werden; ihnen wurden anonyme Fragebogen zugeschickt. 121 dieser 175 involvierten Ärzte beantworteten die Fragen zu ihrem Verhalten in solchen Fällen.
Eine Entscheidung zur Sterbehilfe wurde in 143 Fällen getroffen (57 Prozent). Sie beinhalten den Abbruch oder das Vorenthalten einer Behandlung, das Verabreichen von potenziell lebensverkürzenden Schmerzmedikamenten oder sogar direkt die Gabe von Medikamenten mit der Intention, das Leben des Patienten zu verkürzen.
Die Anwendung von letalen Medikamenten bei Minderjährigen ist in Belgien illegal. Die Studie zeigte jedoch, dass letale Dosen oder letale Medikamente in 17 Fällen (9 Prozent) angewendet wurden. 95 der 121 Ärzte (79 Prozent) waren der Meinung, dass es manchmal auch zur Erfüllung ihrer Pflicht gehöre, unnötiges Leiden durch eine Beschleunigung des Todes zu verhindern und 69 der 120 (58 Prozent) unterstützten eine Legalisierung einer Sterbehilfe in speziellen Fällen.
Professor Deliens erklärt: "Wir stellten fest, dass etwa drei von vier Ärzten, die mit schwerkranken Neugeborenen und Kindern konfrontiert werden, bereit sind, an bestimmten Formen zur Sterbehilfe teilzuhaben. Die Hauptgründe für eine Verkürzung des Lebens der Neugeborenen sind das Fehlen reeller Überlebenschancen und, wenn das Baby überlebte, eine zu erwartende sehr niedrige Lebensqualität.“
Ebenfalls in dieser Ausgabe erscheint ein Artikel von Astrid Vrakking vom University Medical Centre Rotterdam in den Niederlanden und ihren Kollegen, die herausfanden, dass die Häufigkeit einer aktiven Sterbehilfe bei Kindern in den Niederlanden nicht gestiegen ist, trotz dies betreffender neuer, liberalerer Regelungen.
In einem Begleitkommentar zeigt Chris Feudtner vom Children’s Hospital of Philadelphia in den USA fünf Punkte der Euthanasie-Debatte auf. Er erklärt: "Wenn wir eine Politik wollen, welche die Sterbehilfe auf ein Minimum reduziert, brauchen wir deutlich bessere Hinweise aus verschiedenen praktischen Umfeldern über den Einfluss solcher Sterbehilfe-Praktiken auf die tatsächliche klinische Praxis."
Quelle: Astrid M Vrakking, Agnes van der Heide, Bregje D Onwuteaka-Philipsen, Ingeborg M Keij-Deerenberg, Paul J van der Maas, Gerrit van der Wal. Medical end-of-life decisions made for neonates and infants in the Netherlands, 1995-2001. Lancet 2005; 365: 1329
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