Ausgabe 44/2005
 
Kreationismus

Darwin vor Gericht

Von Thomas Kleine-Brockhoff
 
Im amerikanischen Dover soll ein Prozess entscheiden, ob die Evolutionstheorie Lücken hat und im Biologieunterricht ein "intelligenter Schöpfer" erwähnt werden darf
 

Am zehnten Tag des Prozesses stellt sich plötzlich die Frage, ob Wissenschaft sein könnte, was wie Wissenschaft klingt. Vor dem Bundesgericht zu Harrisburg (Pennsylvania) nimmt der wichtigste Zeuge der Verteidigung Platz. Grau und blass sieht der Mann aus, eulenhaft sein Gesicht. Offenkundig ein Bücherwurm. Endlos redet er. Seine Argumente wirken kompliziert. Noch komplizierter trägt er vor. Kurzum: Der Mann ist eine Idealbesetzung für die Rolle des Professors. Tatsächlich ist Michael Behe im wirklichen Leben Professor, und zwar an der Lehigh University. Er gilt als Amerikas prominentester Kritiker der Evolutionslehre. Sein Buch Darwin's Black Box wurde 200000-mal verkauft. Nach dem Wunsch der Verteidiger soll Behe in Amerikas großem Prozess um Intelligent Design zeigen, dass die Lehre vom durchdachten Bauplan der Welt mehr ist als eine neue Verpackung für den alten Glauben an die biblische Version der Erschaffung der Welt.

Alle paar Jahrzehnte steht in Amerika die Evolutionslehre vor Gericht. Erst 1925, dann 1968 und 1987. Im Jahre 2005 geht es wieder um die Frage: Wovon darf, wovon muss im Biologieunterricht die Rede sein? Ist die Theorie der "Intelligenten Gestaltung" eine religiöse Vorstellung - oder ist sie auf Fakten und Versuche gegründet, experimentell überprüfbar und falsifizierbar, mithin also Wissenschaft? Dann und nur dann darf sie in einer öffentlichen Schule Erwähnung finden.

Darum muss Michael Behe sich zunächst als Experte etablieren. Er ist Biochemiker, hat 23 Jahre Lehrerfahrung. Das ließe sich schnell zusammenfassen und dauert doch vor Gericht volle drei Stunden. Ein Beamer wirft Bilder auf eine Leinwand, Auszüge aus Tagungsberichten, Büchern, Aufsätzen. Er schreibe in "etablierten Zeitschriften", sagt Behe. Mal wird er von einem "berühmten Forscher" rezensiert, mal tritt er an einer "Eliteuniversität" auf. Es fallen die Namen Princeton, Harvard, Tufts. Einmal erwähnt Behe ein Buch, in dem er publiziert hat, und der Anwalt der Verteidigung fragt: "Ist es in einem akademischen Verlag erschienen?" - "Ja", sagt Behe, "Yale University Press." - "Ist das ein angesehener Verlag?", fragt der Anwalt scheinbar naiv. "Ja, sehr angesehen", kann Behe darauf sagen. All die Prahlerei soll die Erkenntnis fördern, dass im Zeugenstuhl kein Zombie sitzt, sondern der anerkannte Vertreter einer wissenschaftlichen Mindermeinung. Gälte nämlich "Intelligentes Design" nicht länger als widerlegt, sondern nur noch als umstritten, so ließe sich das Monopol der Evolutionslehre in öffentlichen Schulen nur noch schwer aufrechterhalten.

Langsam geht Behe zum Angriff über. Geschickt vermeidet er es, Charles Darwins Lehre gänzlich zu verwerfen. Stattdessen attestiert er ihr "teilweise Erklärungswert", bemängelt aber "Lücken", "Widersprüche" und "Fehler". Bei molekularen Strukturen sieht Behe schließlich "nicht reduzierbare Komplexität" am Werk, die auf ein "absichtsvolles Arrangement von Teilen" schließen lasse. Allein mit der Evolution seien Wunderwerke wie Blutgerinnung, Immunsystem oder Zellen jedenfalls nicht zu erklären. An dieser Stelle taucht die Hand eines "Trägers von Intelligenz" auf. Wer dieser "Träger" ist, weiß Behe nicht. "Persönlich" glaube er, dass es sich um den christlichen Gott handele. Aber das sei "nicht beweisbar", deshalb wissenschaftlich irrelevant.

Nach neun langen Stunden der Zeugenaussage bleiben die Notizblöcke der Reporter merkwürdig leer. Es ist, als werde chinesisch gesprochen: Man erkennt die Sprache, versteht aber kein Wort. Trüge ein Nobelpreisträger vor, klänge es womöglich genauso. Darum nagt an manchem Beobachter ein klitzekleiner Zweifel: Was, wenn Behe doch kein verwirrter Geist wäre, sondern ein verkanntes Genie? Wenn seine Selbststilisierung die Wahrheit träfe und er ein moderner Kopernikus wäre, der zum Gelächter seiner Zeitgenossen das geozentrische Weltbild verwarf?

Der Schulausschuss im nahen Dover hat sich jedenfalls vergangenes Jahr von Behe überzeugen lassen. Seither müssen die Biologielehrer der Highschool ihren Neuntklässlern eine Erklärung vortragen. Darin heißt es, die "Theorie" der Evolution habe "Lücken". Intelligentes Design sei ein alternatives Erklärungsmodell, über das es in der Schulbibliothek mehr zu lesen gebe. Dort finden interessierte Schüler dann ein Lehrbuch, dessen Koautor Michael Behe ist. Weil es Of Pandas and People heißt, nennen die Kritiker das Gerichtsverfahren Panda-Prozess. Elf Eltern haben geklagt. Sie glauben, ihre Kinder würden religiös beeinflusst. Das wäre verfassungswidrig. Deshalb soll das Gericht die Frage klären, ob Intelligent Design Religion oder Wissenschaft ist.

Dover, 22000 Einwohner, war mal ein hübsches Straßendorf. Noch heute säumen Holzarkaden aus dem vergangenen Jahrhundert die Hauptstraße. Doch neuerdings wandelt sich Dover zur Schlafstadt des großen Harrisburg. Eine Lego-Landschaft aus Fertighäusern und manikürten Gärten wuchert rund um den historischen Kern. Schon in dieser Siedlungsstruktur bildet sich der Konflikt zwischen Tradition und Moderne ab. Dover liegt mitten in der deutschesten aller amerikanischen Landschaften. Der Juwelier an der zentralen Straßenkreuzung heißt Botterbusch und der Nachbarort East Berlin. Hierhin, ins Hügelland Pennsylvanias, zog es die Amish und die Mennoniten und all die deutschen Freikirchler, als Gründervater William Penn sein Utopia der religiösen Toleranz ausrief. Nirgends in Amerika leben heute so viele Glaubensrichtungen und Sekten zusammen. Die meisten eint allerdings ihr Konservatismus. Sie halten jeweils am traditionellen Glauben fest. Darum ist im Panda-Prozess leise auch ein Echo aus der Zeit der religiösen Intoleranz in Deutschland zu hören.

Jene Sektierer waren es nämlich, die während der amerikanischen Gründerzeit im Bündnis mit den säkularen Aufklärern um Thomas Jefferson die Trennung von Staat und Kirche durchsetzten. Nichts fürchteten die Sektierer mehr als eine Staatskirche, die wie in der alten Heimat die religiöse Freiheit von Dissidenten beschnitt. So betrachten Amerikaner bis heute den Religionsunterricht in Deutschland als Verletzung des Gebotes der Trennung von Staat und Kirche. Und doch wäre das unvollständig säkularisierte Deutschland wohl leichter fähig, mit einem Angriff der religiösen Tradition auf das wissenschaftliche Weltbild umzugehen. Dass Gott die Welt in sechs Tagen erschuf, ließe sich einfach im Religionsunterricht abhandeln. Amerika muss stattdessen einen Kulturkampf aushalten.

Dieser Kampf lässt sich in den Verhandlungspausen beobachten. Dann suchen die Verfechter des Intelligenten Designs die Kameras. Sie berichten von Unterdrückung durch das gottlose Amerika. Mal spricht der Verteidiger davon, die Kläger wollten "jeden Ausdruck des Glaubens aus der Öffentlichkeit verbannen" und "den Atheismus durchsetzen". Mal beschweren sich Mitglieder des Schulausschusses über "Zensur". Gegen das Diktat einer "Wissenschaftsbürokratie" verteidigten sie die "akademische Freiheit". Ihren Kindern solle nicht eine Ansicht über die Entstehung der Welt vorenthalten werden, wenn es deren zwei gebe. Zu hören ist die typische Viktimologie der religiösen Rechten: ein Rückzugsgefecht gegen die säkulare Moderne. Ihr gegenwärtiges Revival unter der Ägide des Präsidenten George Bush kann daran wenig ändern. Binnen eines Jahrzehnts hat sich der Anteil der Amerikaner ohne kirchliche Bindung beinahe verdoppelt. Und ohne seinen Säkularismus wäre Amerika kaum das Land der Serien-Nobelpreise geworden.

Jim Grove kommt jeden Tag ins Gericht. Er ist Pfarrer einer Erweckungsgemeinde und will Flagge zeigen. Seine Gemeinde in Loganville nahe Dover hat er zum Zentrum der Evolutionskritik gemacht. Vorvergangene Woche lud er ein, und 150 Gäste kamen. Sie sahen ein Video, in dem zwei Stunden lang erklärt wurde, warum die Evolutionstheorie "saudumm" sei. Neben dem Wort stupid war wahlweise auch silly zu hören, "albern". Pfarrer Grove versteht solche Abende als Wahlkampfveranstaltungen. Bald wird nebenan in Dover der Schulausschuss neu gewählt. Bisher hatten sich nur die Traditionalisten engagiert. Nun mobilisieren die Evolutionsanhänger mit einer eigenen Wahlliste. Gut möglich, dass die Panda-Lehre in Dover eine Episode bleibt. Der Panda-Prozess könnte allerdings auch nach seinem Urteil, das im November erwartet wird, nicht enden, sondern nach Berufungsverfahren das Verfassungsgericht erreichen.

Zusätzlich komplizierend wirkt, dass Prozessunterstützer wie Jim Grove die Lehre vom Intelligent Design nicht wirklich ernst nehmen. Sie sei nur "ein halb volles Glas", sagt der Pfarrer. Für Grove ist Professor Behe ein "theistischer Evolutionist", der glaubt, Gott habe "die Evolution für seine Zwecke benutzt". Das, sagt Grove, "glaube ich nicht". Er bezeichnet sich selbst als Kreationisten, der die christliche Schöpfungsgeschichte wörtlich nimmt. Die Parteigänger eines intelligenten, aber unbekannten Weltbaumeisters sind für ihn nur Bündnispartner gegen Amerikas "säkulare Fundamentalisten", die ihr "Monopol über das Erziehungssystem behalten" wollten.

So ähnlich sehen es offenbar die beklagten Mitglieder des Schulausschusses. In Hülle und Fülle gibt es Zitate über ihre religiösen Motive. Erst neuerdings scheinen sie verstanden zu haben, dass sie damit ihre Siegchancen im Prozess schmälern. Inzwischen betonen sie taktisch klug, es gehe ihnen allein um wissenschaftliche Akkuratesse. Wollen sie gewinnen, müssen sie alle Fingerabdrücke der Religion auf der Lehre vom Intelligenten Design beseitigen. Denn 1987 verbannte das Verfassungsgericht die Schöpfungslehre aus den Schulen, weil es sich um Religion handele. Kann es Zufall sein, dass die Lehre von der "durchdachten Gestaltung" just in den Jahren nach diesem Urteil entstand? Ist "Intelligent Design" nur eine juristische Sprachregelung im ewigen Kulturkampf? Quasi ein Evolutionsprodukt des Kreationismus, das seine Herkunft zu verbergen sucht?

Genau das will Eric Rothschild, der Anwalt der Kläger, belegen. Sein Instrument ist das Kreuzverhör. Wie ein Raubtier umkreist er den Zeugen Behe. Zunächst bleibt der Anwalt auf Distanz, stellt scheinbar harmlose Fragen. In Wahrheit verstrickt er ihn in ein Netz von Widersprüchen: "Sie behaupten, Intelligent Design sei eine wissenschaftliche Theorie?" - "Ja." - "Wenn Sie von einer wissenschaftlichen Theorie sprechen, definieren Sie den Begriff nicht so eng, wie die Akademie der Wissenschaften es tut?" - "Ja, stimmt." (...) "Und nach der Definition der Akademie wäre Intelligent Design keine wissenschaftliche Theorie, stimmt's?" Jetzt ist Behe gefangen. Er muss einräumen, er sei sich "nicht sicher", und nach seiner laxen Definition wäre auch "Astrologie eine wissenschaftliche Theorie". Denn, so sagt er, eine Theorie müsse ja "nicht wahr sein". In diesem Moment hat er selbst Intelligentes Design zur reinen Spekulation herabgestuft. Und so geht es weiter: "Stimmt es, dass kein einziger Artikel Intelligent Design unterstützt, der zuvor einem unabhängigen Gutachter vorlag?" - "Tausende Artikel erwähnen die 'nicht reduzierbare Komplexität', ein oder zwei auch 'Intelligentes Design'." - "Noch mal: kein einziger Artikel mit Peer Review, der Ihre Theorie stützt, stimmt's?" - "Ja, stimmt."

Seinen Höhepunkt erreicht das Kreuzverhör, als Anwalt Rothschild die Definition des Intelligenten Designs aus jenem Panda-Buch vorliest, das Behe den Schülern empfiehlt. Da steht, dass "die verschiedenen Lebensformen abrupt mit Hilfe eines Trägers von Intelligenz" entstanden, und zwar schon mit "ausgeprägten Merkmalen", Fische etwa "mit Flossen". - "Ist 'ne gottzentrierte Theorie, nicht?", fragt Anwalt Rothschild und zwingt Behe, sich von einem Buch zu distanzieren, das er selbst mitgeschrieben hat. Diese Sätze, sagt Behe, seien "schlecht formuliert" und die Schlussfolgerungen "provisorisch". Der Anwalt fasst nach: "Wenn man das Wort 'Träger von Intelligenz' durch 'christlicher Schöpfer' ersetzte, verlöre die Definition keineswegs ihren Sinn, oder?" Vielleicht hat der Anwalt in diesem Moment den Fingerabdruck der Religion gefunden.

Reichlich zerzaust tritt Michael Behe nach Stunden ins Freie. Dort erwartet ihn das Kreuzverhör der Medien. Nach einigen Minuten sind alle Zitate eingeholt; nur ein Journalist bleibt zurück. Dessen Vorstellung wird für den Professor zur Überraschung des Tages: "Mein Name ist Matthew Chapman, ich bin der Ururenkel von Charles Darwin." Nach einer Sekunde der Verblüffung hellt Behes Gesicht sich auf. "Freut mich sehr", sagt er, als fühle er sich durch hohen Besuch geehrt. Darauf Chapman: "Ich möchte einen Film über Amerika und die Rationalität drehen. Hätten Sie Lust mitzumachen?" So verabreden sich Darwins Spross und Darwins Kritiker zum Gespräch. Und dann umarmen sie einander - wenn auch nur fürs Erinnerungsfoto.

 
© (c) DIE ZEIT 27.10.2005 Nr.44
 

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