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Rezension | 17.12.2005
Quelle: Gehirn und Geist 12/2005
 

Alles unter einem Hut

Medizin, Kunst und Philosophie in den Händen eines Neurologen
Viele von ihnen machte Oliver Sacks bekannt: spektakuläre neurologische Erkrankungen wie Phantomglieder, Blindsehen oder das Neglect-Syndrom. Nun erklärt auch Vilayanur Ramachandran, Professor für Psychologie und Neurowissenschaften an der University of California in San Diego, in seinem Buch "Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn" die Funktionsweise unseres Denkorgans anhand unglaublicher Fallbeispiele.

Der Wissenschaftler erzählt etwa von David, der am Capgras-Syndrom leidet, der so genannten Doppelgängerillusion: Nach einem Autounfall erkannte der Junge seine Mutter plötzlich nicht mehr. David erklärte, die fremde Frau sehe zwar aus wie sie, sei aber nicht die echte, sondern eine Hochstaplerin. Ramachandran erläutert dem Leser mit diesem Beispiel einfach und prägnant, welche Regionen des Gehirns beim Capgras-Syndrom die Verbindungen zueinander verlieren, und verdeutlicht, welche Konsequenzen dies haben muss. So wurde bei David der Kontakt zwischen visuellem Zentrum und Gefühlszentrum, der Amygdala, bei dem Unfall durchtrennt. Beim Anblick der Mutter empfand er nichts, folglich musste die Frau eine Fremde sein.

Der Autor hat noch viele ungewöhnliche Geschichten auf Lager, vor allem aber stets eine einleuchtende Erklärung. So weiß er, was Patienten dazu bringt, auf Schmerzreize mit Gelächter zu reagieren. Und wie es sein kann, dass ein Mensch leugnet, gelähmt zu sein - oder bestreitet, dass jemand anders gelähmt ist. Zudem gewinnt der Leser einen Einblick in die ungewöhnlichen Behandlungsmethoden des Neurologen und seiner Kollegen: Möchten Sie beispielsweise wissen, wie man einen Patienten mit Hilfe eines Spiegels vom Phantomschmerz befreit?

Doch bei Tausendsassa Ramachandran geht es nicht nur um Krankheiten: Ein weiteres Kapitel widmet er der Synästhesie. Der Autor zeigt die Parallelen zu Phantomgliedern auf und mutmaßt, dass in beiden Fällen eine "Cross-Verdrahtung " vorliegt, eine Verschaltung zwischen Hirnarealen, die normalerweise nicht miteinander verbunden sind. Ein paar Seiten weiter schweift er ab zu Kunst und Kultur und produziert seine eigenen, universellen Kunstgesetze, die er alle neurobiologisch begründen kann.

Ramachandran liefert etwa eine - wenn auch spekulative, so doch sehr spannende - evolutionäre Begründung für die Entstehung von Metaphern oder den menschlichen Sinn für Ästhetik. Sogar eine Vorliebe für Pablo Picasso kann der Neurologe seinen Lesern naturwissenschaftlich erklären.

Wer wissen will, wozu die menschliche Wahrnehmung im Stande ist, wird an diesem Buch seine Freude haben. Ramachandran ist Garant für echten Lesespaß! Dabei sollte man selbst die über 30 Seiten starken Endnoten nicht vernachlässigen - hier verstecken sich weitere interessante Beispiele und Erläuterungen.
Grit Vollmer
Die Rezensentin ist promovierte Biologin sowie freie Wissenschaftsjournalistin in Heidelberg

 
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