Ausgabe 51/2005
 
Raumfahrt

Jagd auf den Planeten

Von Dirk Asendorpf
 
Schon als Kind hat sie sich für das All begeistert, heute forscht sie für die Europäische Weltraumagentur Esa. Rita Schulz leitet die Mission zum Merkur
 

Daumen und Zeigefinger ihrer linken Hand schließen sich zur elliptischen Umlaufbahn des Merkurs. In weitem Bogen fliegt jetzt ihr rechter Zeigefinger wie ein Satellit von der Erde heran, wird immer schneller und schwenkt schließlich auf den Fingerkreis ihrer linken Hand ein. "Um den Merkur einzuholen, müssen wir beschleunigen. Deshalb dauert die Reise so lange", erläutert Rita Schulz. Die 44-jährige Astrophysikerin leitet als einzige Frau ein komplettes Projekt der europäischen Weltraumagentur Esa: die Merkur-Mission BepiColombo, benannt nach einem italienischen Astronomen. Damit ist Schulz für ein Budget von mehr als 600 Millionen Euro verantwortlich. Doch neben der Arbeit als Managerin will sie unbedingt ihren Ruf als Wissenschaftlerin erhalten. "Offiziell dürfen wir 20 Prozent unserer Arbeitszeit für Forschung verwenden, praktisch komme ich aber nur in der Freizeit dazu", sagt die Astrophysikerin - und macht nicht den Eindruck, dass es sie stört. Die Begeisterung, mit der sie von der Magnetosphäre des Merkurs oder dem Verhältnis von Kohlenstoffisotopen in Kometenschweifen spricht, lässt ihre Wochenend- und Nachtarbeit als Genuss erscheinen.

Schon als Kind begeisterte sich Schulz für Außerirdisches; historische Fotos des Kometen Halley faszinierten sie. Nur alle 76 Jahre fliegt der Schweifstern näher an der Erde vorbei. Am Ende ihres Physikstudiums gab es ein Wiedersehen mit Halley. Schulz zögerte ihre Diplomarbeit bis zur spektakulären Wiederkehr des Kometen im März 1986 heraus: "Ich bin damals in die Europäische Südsternwarte nach Chile gefahren und habe ihn selber beobachten können."

Wer sich mit dem Weltall beschäftigt, muss in langen Zeiträumen denken. Das gilt auch für das Projekt BepiColombo. Anfang der neunziger Jahre war die Idee eines Fluges zum Merkur entstanden, 1994 wurde sie ins Esa-Programm aufgenommen. 2012, fast 20 Jahre später, sollen zwei Erkundungssatelliten starten. Bis sie auf ihre Umlaufbahn um den sonnennächsten Planeten einschwenken, werden weitere sechs Jahre vergehen. "Die Auswertung der Messdaten wird meine letzte Aufgabe vor der Rente sein", sagt Schulz und guckt amüsiert durch ihre hellblaue Brille. "Eigentlich kann ich gar nicht so weit in die Zukunft sehen." Dabei ist weite Vorausplanung ihr Tagesgeschäft. Als Projektmanagerin muss sie dafür sorgen, dass die Messgeräte ihrer beiden Merkur-Satelliten möglichst genau die Fragen beantworten können, für die sich die Planetenforschung in 15 Jahren am brennendsten interessieren wird.

Bisher hatte Merkur erst einmal Besuch von der Erde. Mitte der siebziger Jahre fotografierte die amerikanische Raumsonde Mariner 10 seine mondähnlichen, kraterreichen Landschaften. Die Bilder zeigen jedoch nur eine Seite des Planeten, die andere Hälfte ist noch unerforscht. Von der Erde aus lässt sich Merkur kaum beobachten, weil ihn die Sonne die meiste Zeit überstrahlt. Theoretisch könnte das Weltraumteleskop Hubble einhundert Kilometer große Details der Merkur-Oberfläche zeigen, doch das wurde noch nie versucht. Zu groß ist die Gefahr, dass die empfindlichen Spiegel von den Teilchen des Sonnenwindes beschädigt werden, wenn man sie auf ein derart sonnennahes Objekt ausrichtet. Eine Beobachtung des Merkurs kommt allenfalls als letzte Aufgabe vor dem kontrollierten Absturz von Hubble infrage.

Konkurrenzlos ist Rita Schulz mit ihrem Projekt trotzdem nicht. Bereits im vergangenen Jahr hat die Nasa einen Forschungssatelliten auf den komplizierten Weg zum Merkur geschickt. Messenger soll von Januar 2008 an dreimal den Merkur passieren, den Rest seiner Oberfläche mit einer Stereokamera in Farbe kartieren und die Zusammensetzung seiner äußerst dünnen Atmosphäre und seine Magnetosphäre untersuchen. Im März 2011 soll die Nasa-Sonde schließlich auf eine Umlaufbahn um den Planeten einschwenken - ein Jahr vor den beiden Esa-Satelliten.

"Wir haben drei Jahre früher mit der Planung begonnen, aber die Amerikaner sind an uns vorbeigezogen", sagt Schulz und versucht, sich jeden Unterton zu verkneifen. Das gelingt ihr allerdings nicht so recht. Zu groß ist der Ärger darüber, dass die Esa-Führung den Etat für BepiColombo noch immer nicht endgültig beschlossen hat. Zuletzt wurde eine wichtige Zwischenentscheidung vertagt, weil die Gremienmitglieder lieber zum Start der Venus-Express-Sonde nach Baikonur reisten.

Rita Schulz hat für Starttourismus oder stundenlanges Repräsentieren in Gesellschaft älterer Herren bei Sekt und Kaviar wenig übrig. Zwar hat sie sich längst daran gewöhnt, meist als einzige Frau am Tisch zu sitzen. Aber dann, meine Herren, bitte mit straffer Tagesordnung. Ihre Zeit ist kostbar, schließlich locken zu Hause im holländischen Nordwijk ihre wissenschaftliche Arbeit - und die Familie. Um die beiden Kinder kümmert sich ihr Mann, auch er ist Physiker. "Wir haben uns im Studium kennen gelernt und vereinbart: Wer zuerst eine feste Stelle kriegt, nimmt sie. Der andere betreut die Kinder." Nebenbei forscht ihr Mann an der Universität Leiden. So muss sie auch zu Hause des Öfteren einspringen, das erfordert erhöhtes Tempo. Deshalb geht sie nicht, sie eilt von Termin zu Termin, düst auf dem Motorrad zur Arbeit, denkt, gestikuliert und spricht schnell - Englisch bei der Arbeit, Niederländisch im Alltag und zu Hause Deutsch.

In der Raumfahrt hingegen hält sie nichts von Schnellschüssen. "Ich will Messenger nicht schlecht machen", sagt sie über den Merkur-Satelliten der Nasa, aber er gehöre zu den "schnellen und billigen" Missionen des Discovery-Programms. "Besser als nichts" sei das allemal. Doch während Messenger eher Hypothesen über den Merkur liefern werde, bringe BepiColombo verlässliche Auskünfte. Zum Beispiel über die Chemie der Merkur-Oberfläche. Die Spektrometer von Messenger würden zwar Daten über auffällige Bereiche des Planeten liefern. Aber erst die beiden europäischen Sonden könnten unterscheiden, ob es sich um Reste von Meteoriten- und Asteroideneinschlägen oder um merkureigenes Material handele. Dafür sollen kombinierte Aufnahmen im sichtbaren, infraroten und Röntgen-Bereich sorgen.

Auch Merkurs Magnetfeld wird BepiColombo genauer unter die Lupe nehmen. Stammt es, wie beim Mars, aus magnetisierten Metallen an der Oberfläche, oder entsteht es, wie bei der Erde, durch den Dynamoeffekt eines flüssigen Kerns? Während Messenger die magnetische Feldstärke nur an einem Punkt messen kann, sollen die beiden europäischen Satelliten mit ihren getrennten Beobachtungspositionen das Magnetfeld und die Magnetosphäre, die stark vom Sonnenwind beeinflusst wird, auseinander halten können.

Letzte Gewissheit über Magnetismus und Mineralogie würde allerdings erst eine Landung auf dem Merkur bringen. Doch die Esa hat das geplante Landegerät vor zwei Jahren aus Kostengründen wieder gestrichen. Ein großer Fehler, findet Rita Schulz. "Die Russen sind auf der Venus gelandet, die Amerikaner auf dem Mars. Wir hätten den Merkur gehabt." Auf absehbare Zeit wäre der Planet damit "abgehakt" gewesen. "Jetzt müssen wir schnell wiederkommen, um die letzten Fragen zu klären", sagt die Astrophysikerin und lacht dabei.

Sie weiß nämlich genau, dass es dazu nicht kommen wird. Denn die Reise zum Merkur ist äußerst kompliziert und teuer. Ein neuartiger Ionenantrieb wird eigens dafür entwickelt. Zudem stellt die Nähe zur glutheißen Sonne extreme Anforderungen an das Material. Damit das Temperaturgefälle von bis zu 500 Grad zwischen Sonnen- und Schattenseite die Satelliten nicht zerreißt, müssen diese sich wie am Grillspieß permanent um ihre Achse drehen. Ihre Lebenszeit in der Umlaufbahn des Merkurs dürfte nur ein bis zwei Jahre betragen, wesentlich weniger als bei allen Satelliten, die von der Sonne wegfliegen.

Erst im Jahr 2018 werden die Satelliten Daten liefern. "Nach dem Start wird es erst einmal langweilig", sagt Schulz. Doch sie weiß, wie sie sich die Zeit vertreiben könnte: Im Mai 2014 soll die Rosetta-Sonde ein kleines Forschungslabor auf dem Kometen Churyumov-Gerasimenko absetzen. Bereits seit eineinhalb Jahren ist sie auf ihrem fünf Milliarden Kilometer langen Weg zu dem kleinen, rugbyballförmigen Schweifstern. Rita Schulz war stellvertretende Projektleiterin der Rosetta-Mission. "Ich kann mir gut vorstellen, zu Rosetta zurückzuwechseln", sagt Schulz - nicht mehr als Projektmanagerin, sondern als Wissenschaftlerin. Kometenkunde ist ihr Spezialgebiet - und der Besuch eines Schweifsterns ihr Kindheitstraum.

Der Mensch...Rita Schulz, 1961 in Dortmund geboren, hat in Bochum und an der University of Maryland Physik und Kometenwissenschaft studiert. Zur Esa kam sie als stellvertretende Projektleiterin für die Rosetta-Sonde, die 2014 einen Kometen besuchen soll. Seit zwei Jahren leitet Schulz als erste Frau ein Esa-Projekt, die gut 600 Millionen Euro teure Merkur-Mission BepiColombo.

... und seine IdeeWie sieht die Rückseite des Merkurs aus? Woher hat er sein Magnetfeld? Aus welchen Mine- ralien besteht seine Oberfläche? Wieso hat er wie die Erde eine schützende Magnetosphäre? Das sind einige der Fragen, welche die beiden europäischen Merkur-Sonden klären sollen, wenn sie im Jahr 2018 auf ihre Umlaufbahn um den sonnennächsten Planeten einschwenken.

 
© (c) DIE ZEIT 15.12.2005 Nr.51
 

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