Vor etwa 20 Jahren begann der neuseeländische Molekulargenetiker Allan Wilson während seiner Tätigkeit an der Universität von Kalifornien in Berkeley damit, einen variablen Abschnitt der Erbsubstanz DNA von lebenden Menschen zu vergleichen, um anhand dessen den vorgeschichtlichen Stammbaum dieses Erbmoleküls aufzustellen. Populär geworden ist vor allem die hieraus abgeleitete Vorstellung, dass der moderne Mensch, der Homo sapiens, vor schätzungsweise 130000 Jahren in Afrika entstand und sich von dort aus über den Nahen Osten nach Asien, Europa und in die übrige Welt ausbreitete, wo er frühere Menschenformen verdrängte, etwa in Europa die Neandertaler (siehe auch Spektrum der Wissenschaft 12/85, Seite 160 und 6/92, Seite 72).

Aber auch zur menschlichen Besiedlung einzelner Regionen der Welt liefern solche Stammbaumanalysen nun allmählich recht genaue Bilder. Das gilt gleichermaßen für die Bevölkerung Europas, deren Geschichte nach der letzten Eiszeit sich seit einigen Jahren unerwartet neu darstellt.

Mehrere Forscherteams untersuchen inzwischen die Abstammung der Europäer an teilweise unterschiedlichen Bereichen des Erbguts. Das Grundprinzip ist immer ähnlich: Man erfasst die Mutationen, die sich im Laufe der Zeit in ausgewählten DNA-Abschnitten ereignet haben und in ihren Mustern Abstammungslinien repräsentieren. Dann erstellt man aus den heutigen DNA-Molekülen den Stammbaum der prähistorischen DNA-Moleküle.

Dieser DNA-Stammbaum entspricht einem Familienstammbaum, aber mit zwei wichtigen Unterschieden: Erstens ist der DNA-Stammbaum nicht so detailliert wie ein Familienstammbaum, da sich nicht notwendigerweise in jeder Generation und in jedem Ast eine kennzeichnende Mutation ereignet hat. Zweitens aber reicht der DNA-Stammbaum bis an die Anfänge der Menschheit vor 130000 Jahren zurück, viel tiefer als das beste Fam