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Quelle: Spektrum der Wissenschaft 2/2007
Kunst oder Wissenschaft?
Falsche Frage. Die Zusammenschau beider Aspekte wäre interessant
gewesen, wird aber von diesem Buch nicht geleistet.
Die 1543 erschienene Arbeit "De humani
corporis fabrica" des flämischen Anatomen
Andreas Vesalius (1514 - 1564) war in
mehrfacher Hinsicht eine Revolution. Zum
einen gründete erstmals seit den Zeiten des
Galen von Pergamon (129 - 216) ein Lehrbuch
der Anatomie nicht auf der Überlieferung,
sondern auf dem mit eigenen Augen
Gesehenen und eigenhändig Zergliederten.
Die Sektion menschlicher Leichname widerlegte
eine Reihe von Galens Befunden und offenbarte,
dass dieser seine Kenntnisse von
Affen, Schweinen, Schafen und Ziegen, nicht
aber von Menschen gewonnen hatte.
Zum anderen trat in der "Fabrica" mit
der Autopsie die visuelle Darstellung neben
den Text. Über die Anatomie von Gefäßbahnen
und Muskelsträngen hinaus sind die anatomischen
Abbildungen des 16. Jahrhunderts
Teil der visuellen Kultur der italienischen Renaissance.
Der niederrheinische Künstler Jan
Stephan von Kalkar (1499 - circa 1546/50),
der für Vesalius arbeitete, hatte zur Werkstatt
des Tizian in Venedig gehört. Seine Tafeln geben
nicht nur ein Bild des Körpers, sondern
sind zum Beispiel auch klassische Vanitasdarstellungen
- wenn etwa ein Skelett, gestützt
auf ein Postament mit der Inschrift "Vivitur
ingenio, caetera mortis erunt" ("Man
lebt durch den Geist, alles andere ist sterblich
"), einen Schädel sinnierend anblickt. Der
Tote trauert hier über sein verlorenes Leben.
Der sezierte Leib als Pose findet sich bis
in das 18. Jahrhundert hinein in den einflussreichen
"Tabulae sceleti et musculorum corporis
humani" (1747) des Leidener Anatomieprofessors
Bernhard Siegfried Albinus
(1697 - 1770). Das vielleicht berühmteste
Bild dieses Werks zeigt ein Skelett mit ausgestrecktem
linkem Arm vor einem Rhinozeros
im Hintergrund. Zum letzten Mal stellt hier
ein Anatomiebuch zum sezierten Leib eine
Landschaft so prominent dar.
Mit Albinus' Werk hält auch eine neue Präzision
Einzug in die anatomische Darstellung.
Albinus und sein Zeichner und Stecher Jan
Wandelaar (1690 - 1759) fertigten die Abbildungen
mit Hilfe zweier Maschennetze, die in
genau festgelegtem Abstand zu dem darzustellenden
Skelett aufgespannt wurden. So
konnten sie die aus der Nähe betrachteten
Details mit größerer Präzision in die Abbildung
des Gesamtkörpers übertragen. Ein weiteres
technisches Hilfsmittel zur Sicherung
der Korrektheit, das im 18. Jahrhundert breiten
Einsatz fand, war die Camera obscura.
Jan Wandelaar war unter anderem bei Gérard
de Lairesse (1640 - 1711) in die Lehre
gegangen, der seinerseits von Rembrandt
ausgebildet worden war. Entsprechend stehen
seine Zeichnungen in der Tradition der
niederländischen Stilllebenmalerei sowie
der Kunst- und Kuriositätenkabinette. Das
gilt auch für das um 1700 in Amsterdam erschienene
Werk von Govard Bidloo (1649 -
1713), für das de Lairesse gearbeitet hatte:
die "Ontleding des menschelyken lichaams".
Auch der "Thesaurus anatomicus primus"
des Frederik Ruysch (1638 - 1731) zeigt nicht
zufällig skelettierte Föten mit Perlenketten
und Stillleben von Bronchien und Darmgekröse:
Ruysch hatte nicht nur ein in seiner
Zeit berühmtes Naturalienkabinett angelegt,
seine Tochter Rachel war eine begabte Stillleben-
und Blumenmalerin.
Dieser Verbindung von Kunst und Wissenschaft
gegenüber erscheint das 19. Jahrhundert
mit seinem an der Präzision geschulten
Blick eher nüchtern. Wissenschaft musste
nicht nur akkurat sein, der Wissenschaftler
sollte sich selbst so weit wie möglich aus
dem Erkenntnisprozess zurückziehen, um die
Natur für sich selbst sprechen zu lassen. Das
zeigt sich in der neuen Ästhetik der Bilder:
Das Inventar verschwindet, die einzelnen
Körperteile beherrschen das Bild und werden
mit bis dahin nicht gekannter Präzision dargestellt
- so etwa in dem "Topographischanatomischen
Atlas" des Leipziger Anatomen
Christian Wilhelm Braune (1831 - 1892).
Seine Querschnittsdarstellung des Körpers
nimmt die moderne Technik der Computertomografie
vorweg.
Das ist eine spannende Geschichte; aber
der vorliegende Band erzählt sie nur sporadisch.
Einige der wichtigsten neueren Arbeiten
zum Thema bleiben ungenutzt. Vor allem
legen der Kunsthistoriker Rifkin und der Medizininformatiker
Ackerman ein Buch vor,
das von Kunst und Anatomie handelt, nicht
aber von der Kunst der Anatomie. Während
sich die moderne Wissenschaftsgeschichte
in den letzten Jahrzehnten bemüht hat, hinter
die Trennung von Wissenschaft und Kunst
als zwei vermeintlich unterschiedlichen
Sphären zurückzugehen - hier Anschauung,
dort Logik, hier intuitives, dort systematisches
Wissen, hier Erfindung, dort Entdeckung
-, bleiben in diesem Band beide Bereiche
unvermittelt nebeneinander stehen.
Das spiegelt sich im Aufbau des Buchs. Zu
Beginn beleuchtet Rifkin die Bildproduktion
der Anatomie vornehmlich unter kunsthistorischen
Gesichtspunkten. Den Hauptteil des
Buchs bilden 19 Kapitel, die anatomische
Werke chronologisch vom 16. bis zum Ende
des 19. Jahrhunderts vorstellen. Zum Schluss
skizziert Ackerman, nunmehr allein unter
dem Gesichtspunkt der medizinischen Funktionalität
des anatomischen Bilds, dreidimensionale
Visualisierungen des Leibes mit
den Mitteln der modernen Computertechnologie. Diese Ordnung scheint eine einfache
Fortschrittsthese zu implizieren: von der
Kunst zum medizinisch gesicherten Wissen,
von der Fläche des Bilds zum computeranimierten
Körper, von der Hand des Malers zur
Mathematik des Technikers.
Dabei bleibt eine Reihe interessanter Fragen
ungestellt. Wie und warum tritt der Körper
in den fünf Jahrhunderten, die hier betrachtet
werden, als ein sichtbares Objekt
hervor? Welcher Art ist die Kultur, die den
zergliederten Körper in den Blick nimmt und
ihn einmal als Kunst, das andere Mal aber
auch als Anatomie bezeichnet? Welches Wissen
produzieren die anatomischen Tafeln -
als Kunst und Wissenschaft gleichermaßen?
Das Buch von Rifkin und Ackerman wendet
sich weder an ein wissenschafts- oder
medizinhistorisches Fachpublikum (es fehlen
Fußnoten und Verweise auf weiterführende
Literatur), noch nimmt es einen dezidiert
kunsthistorischen Standpunkt ein - wie etwa
Martin Kemps Katalog zur Ausstellung "Spectacular
Bodies", die auch zeitgenössische
Kunstwerke zeigte und das Vertrauen des Betrachters
in die einfache Zuschreibung der
Exponate zu Kunst oder Wissenschaft irritierte.
Stattdessen bleiben die Bilder sich
selbst überlassen - die sind allemal faszinierend
genug, aber der Leser hätte sich doch
etwas mehr gewünscht.
Janina Wellmann
Die Rezensentin ist Historikerin und promoviert derzeit am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin über die Rolle der Bilder in der Naturgeschichte um 1800.
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