"Schätzungsweise zwanzig dieser Rundanlagen muss es in Göbekli Tepe gegeben haben", erzählt Clemens Lichter, Kurator der Ausstellung. "Die ältesten davon gehen bereits auf das 10. Jahrtausend vor Christus zurück. Einen so alten, monumentalen Kultplatz hat man nirgendwo sonst gefunden." Weil die Grabungen derzeit noch andauerten, könnten sogar weitere, ältere Schichten auftauchen. Fast am meisten überraschte die Forscher aber das völlige Fehlen von Wohngebäuden – bis zur Aufgabe des Ortes um 8000 v. Chr. muss es allein die besondere Bedeutung des Berges gewesen sein, die die Menschen immer wieder anzog.
Steinerne Riesenmenschen
Klaus Schmidt, Archäologe und Entdecker von Göbekli Tepe, schwebt noch eine dritte Deutungsmöglichkeit vor – der Tempel könnte eine Rolle bei Totenritualen gespielt haben. Verstorbene Familienangehörige, glaubt er, könnten im Rund der Anlage den Geiern zum Fraß überlassen worden sein. Oder man hat sie in den ringsum angeordneten Sitzbänken bestattet.
Faszinierend am Göbekli Tepe ist jedoch nicht nur sein Alter, sondern auch sein Ort: Er liegt in der Kernzone einer Region, die Archäologen als "fruchtbaren Halbmond" bezeichnen. Dort nahm die neolithische, also jungsteinzeitliche, Revolution ihren Ausgang, in der sesshafte, Ackerbau und Viehzucht betreibende Gesellschaften die Jäger-und-Sammler-Kulturen ablösten. Und von dort wurde sie später auch bis nach Mitteleuropa exportiert. Geografisch gesehen reicht die Zone von Israel aus nordwärts über Syrien bis nach Anatolien und zieht sich dann wieder Richtung Süden die Ebenen von Euphrat und Tigris entlang. In diesen Gegenden waren die Wildformen der meisten heutigen Kulturpflanzen und Haustiere beheimatet, und ausreichende Regenfälle erlaubten Ackerbau auch ohne künstliche Bewässerung.
Kein Fortschrittsglaube in der Steinzeit
Von einer Vorstellung müssen sich die Forscher in diesem Zusammenhang verabschieden: Dass die Menschen der Altsteinzeit die typisch neolithischen Erfindungen als so fortschrittlich empfanden, dass sie diese bei erster Gelegenheit in ihren Alltag übernahmen. Das Bild der Grabungen belegt zweifelsfrei, dass ihre durchweg guten Lebensbedingungen keinen Anlass dafür gaben.
Evolution der Kultur
"Es gab keine Initialzündung für die neolithische Revolution", bekräftigt Kurator Clemens Lichter. "Viele Technologien waren im Prinzip schon vorhanden, bevor sie eine breite Anwendung fanden. Man muss sich diesen kulturellen Wandel eher als evolutionären,
"Es gab keine Initialzündung für die neolithische Revolution"
(Clemens Lichter)
über Generationen andauernden Prozess vorstellen." Was die Menschen letztlich dazu trieb? "Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht bot die Getreideproduktion den Menschen eine gewisse Sicherheit gegenüber Nahrungsknappheit", meint Lichter. "Auch ein klimatischer Wandel könnte ihnen zu schaffen gemacht haben."
(Clemens Lichter)
Denkbar ist auch, dass gerade Kultplätze wie der Göbekli Tepe die Menschen dauerhaft an gewisse Orte banden und eine gruppenübergreifende Organisation nötig machten. Diese könnte dann letztendlich der Entstehung von Siedlungen Vorschub geleistet haben, glaubt zumindest Göbekli-Entdecker Schmidt. Aus der Perspektive der Altsteinzeitler betrachtet ist es dann auch fast nahe liegend, wie er von der neolithischen Revolution als einem "kulturellen Rückschritt" zu sprechen.
Denn mit der Umstellung der Lebensweise, die erst im siebten vorchristlichen Jahrtausend endgültig abgeschlossen war, gingen beispielsweise typische Zivilisationskrankheiten einher. So lassen sich Infektionen durch den engen Kontakt mit Haustieren, Mangelernährung und allgemein eine gesunkene Lebenserwartung nachweisen. Die Jungsteinzeitler mussten außerdem ihr großes Schweifgebiet gegen die begrenzte Welt ihrer Felder und Ställe eintauschen. Die ersten richtigen Eigentumskonflikte könnten die Folge gewesen sein.
Vom Jägerkult zur Fruchtbarkeitsreligion?
Auch Rituale benötigten keinen Tempel mehr, sondern fanden wohl in den Häusern selbst statt. Eines dieser Gebäude hat man eigens für die Ausstellung in Originalgröße rekonstruiert – komplett mit Wandmalereien und den häufig anzutreffenden plastischen Stierköpfen.
Auch wenn die archaische Kultur der vorneolithischen Jäger und Sammler dem Betrachter heute vielleicht schillernder und faszinierender erscheinen mag als die der jungsteinzeitlichen Bauern – von einem "kulturellen Rückschritt" will Lichter nichts wissen. "Der damalige Wandel in der Lebensweise war keine Revolution in dem Sinne, dass sie schlagartig verlief. Ihre entscheidende Bedeutung liegt vielmehr in der tiefgreifenden Veränderung der menschlichen Gesellschaft, die alle weiteren Entwicklungen überhaupt erst möglich machte. Und dieser Wandel war nun tatsächlich 'revolutionär'." Überspitzt formuliert könne man sogar behaupten, dass sie noch immer andauere: Die gentechnische Manipulation von Nutzpflanzen sei schließlich nichts anderes als eine neue Form der Züchtung – nur eben auf einem anderen Niveau.










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