Was Politiker von Sigmar Gabriel bis George W. Bush gerne propagieren und finanziell fördern – ist es doch bequemer, als sich mit Autofahrern oder der Industrie anzulegen –, entpuppt sich bei näherem Hinsehen immer mehr als Holzweg, an dessem fatalen Ende sogar noch höhere Emissionen stehen könnten. Das bestätigen auch zunehmend wissenschaftliche Untersuchungen wie jene von Renton Righelato von der britisch-amerikanischen Organisation World Land Trust und Dominick Spracklen von der Universität Leeds [1]. Sie kalkulierten, wie viel Kohlendioxid der Atmosphäre in den nächsten dreißig Jahren erspart bleiben könnte, wenn die Verbraucher verstärkt auf Ethanol oder Rapsdiesel ausweichen würden.
Großverbraucher und Politiker sehen sich deshalb bereits in anderen Ländern nach Alternativen um, wo scheinbar wenig Widerstand gegen expandierende Plantagenflächen oder Umwidmung von Ackerland zu erwarten ist. An erster Stelle stehen hier Brasilien mit seinem Zuckerrohr- und Sojaanbau sowie Indonesien mit seinen Palmölpflanzungen. Zunehmend springen aber auch noch andere Staaten auf diesen Zug auf – etwa Uganda und Äthiopien, die Naturschutzgebiete zu diesem Zweck umwidmen wollen, Argentinien, wo die nachhaltige Viehwirtschaft in der Pampa weichen muss, oder Ecuador, das selbst vor Indianerschutzgebieten nicht halt machen wollte.
Werden aber Regenwälder mit Feuer und Axt gerodet oder Grasländer umgepflügt, setzt dies drei- bis zehnmal so viel CO2 frei, wie später durch den Biodiesel eingespart werden könnte. Vor allem die Zerstörung ihrer Wälder katapultiert Indonesien und Brasilien unter die Top 5 der weltgrößten Kohlendioxid-Produzenten. Und die Sucht der Industrieländer nach den Treibstoffen beschleunigt die Waldvernichtung noch – Indonesien, das heute schon eine der höchsten Abholzungsraten des Planeten hat, plant in den nächsten Jahren, mehrere hunderttausend Hektar für neue Palmölplantagen freizugeben. Viel sinniger und klimafreundlicher wäre es dagegen nach den Berechnungen der Forscher, brachliegende ehemalige Rodungsflächen in den Tropen aufzuforsten oder wieder natürlich regenerieren zu lassen: Dies würde das Doppelte bis Neunfache an CO2-Reduzierung erbringen als jede Art von Biodiesel.
Finanzielle Einbußen müssten die Länder des Südens dabei nicht unbedingt erleiden, denn das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz sieht für genau diesen Fall Ausgleichszahlungen in Form von Emissionszertifikaten vor. Industriebetriebe aus Japan, Deutschland oder Kanada können diese auf einem Zertifikatemarkt erwerben und brauchen dafür ihre selbst erzeugten Abgase weniger stark reduzieren. Brasilien oder Indonesien bekommen also Geld dafür, dass sie ihren wertvollen Wald stehen lassen oder dessen Fläche vergrößern, der Kraft- oder Zementwerksbesitzer muss weniger in die Abgasvermeidung investieren.
Allerdings unterliefen auch hier den handelnden Politikern und Sachbearbeitern handwerkliche Fehler, wie eine weitere Studie von Wissenschaftler um Russell Mittermeier von der amerikanischen Naturschutzorganisation Conservation International und verschiedener Forschungsinstitute feststellt [2]. Bislang gewährt das Kyoto-Protokoll nur einen Ausgleichshandel für Wälder, die neu gepflanzt oder wieder aufgeforstet haben. Im schlimmsten Fall kann es deshalb zur Abholzung des bestehenden intakten Ökosystems kommen, damit Gelder für das Anpflanzen einer Holzplantage kassiert werden können. Zudem sollen finanzielle Mittel fließen, damit Nationen mit hoher Rodungsrate diese reduzieren.
Im Dezember stehen jedoch die Nachfolgeverhandlungen für das Kyoto-Protokoll auf dem Programm. Sowohl die gegenwärtige Biokraftstoff-Hausse als auch die lückenhafte Regelung zum Tausch Wald gegen Kohlendioxid müssen dort auf den Prüfstand. Unsere deutschen wie europäischen Politiker sollten derweil langsam einsehen, dass ihre gegenwärtige Biosprit-Politik und -Förderung eine klimapolitische Sackgasse sind – ob sie allerdings Kraft und Mut haben, sich den interessierten Lobbys von Automobil- bis Agrarindustrie entgegenzustellen, darf angezweifelt werden.






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1. Danke
28.08.2007, Dr. Sabine Ladner-Merz