Neue (Un)Sichtbarkeiten
Besondere Bedeutung hat das Sehen in der Welt des Unsichtbaren gewonnen. Atome und Moleküle haben Ausmaße im Bereich von Milliardstel Metern. Bei weitem zu klein für unser mesoskopisch spezialisiertes Auge und dennoch seit Erfindung des Mikroskops das Ziel der optischen Entwicklung, die sich längst nicht mehr auf Licht im klassischen Sinne beschränkt. Elektronen, Röntgenstrahlung und seit rund einem Viertel Jahrhundert sogar tunnelnde Elektronen zeigen uns inzwischen, was wir eigentlich nicht erkennen können.
Darin könnten zur Abwechslung mal nicht die Proben unsichtbar sein, sondern die Wissenschaftler. Den Weg zur entsprechenden Technologie haben unter anderem die Forscher um Vladimir Shalaev von der Purdue University im April teilweise geebnet. Sie führten die Arbeit anderer Gruppen aus den vorhergehenden Jahren fort und entwickelten einen Tarnmantel, der einfallendes Licht einfach um sich herum leitet. Für den suchenden Beobachter ergäbe dies den Eindruck, der Mantel und alles darunter sei schlichtweg unsichtbar. Wenigstens, solange der Raum nur mit rotem Licht geflutet ist, denn die Tarnvorrichtung des Teams funktioniert bislang nur bei einer einzigen Wellenlänge, die uns rot erscheint. Keine wirkliche Unsichtbarkeit, aber immerhin der Schritt in den Bereich des sichtbaren Unsichtbaren. Die Modelle aus den Vorjahren hatten nämlich nur für Mikrowellen funktioniert.
Fortschritte im Nanomaßstab
Spätestens dann wird sie auch wieder an die Nanobatterie denken, von welcher die Welt im April erfuhr. Zhong Lin Wang vom Georgia Institute of Technology und seine Kollegen hatten diese aus einer Art "Nagelbrett" mit feinsten Zinkoxid-Drähten und einer Platin-Elektrode hergestellt. Sobald sie mit Ultraschall an dem Aufbau rüttelten und die Nanodrähte auf das Platin stießen, verbogen sie sich und wandelten die mechanische Energie in eine elektrische Spannung. Dieser piezoelektrische Effekt sollte nach Hochrechnungen der Wissenschaftler für eine Leistung von zehn Mikrowatt pro Quadratzentimeter ausreichen. In der Zukunft, versteht, sich, wenn die Nanobatterie in Serie produziert wird und in unseren Körpern allerlei Maschinchen antreibt, die uns zu besseren Menschen machen.
Energie auf neuen Wegen
Dass wir gerade in Punkto Energie sehr schnell sehr viel besser werden sollten, haben die peinlichen Klimakonferenzen des Jahres 2007 zur Genüge bewiesen. Um dennoch möglichst wenig an unserem Lebensstil zu ändern, klammern wir uns gerne an Teillösungen wie den Energieträger Wasserstoff. Gleich zu Anfang des Jahres stellten drei Arbeitsgruppen ihre Verbesserungen an Brennstoffzellen vor, in denen Wasserstoff aus einem Speicher mit Luftsauerstoff verbrannt wird. Aber selbst falls diese Technologie es tatsächlich in den Alltag schaffen wird, löst sie nicht das eigentliche Problem: Wo soll die Energie überhaupt herkommen? Denn auch Wasserstoff wächst nicht auf dem Acker.
Das tun aber nachwachsende Rohstoffe, die reich an Kohlenhydraten sind. Nur weigern sich leider die extra dafür ausgesuchten Hefen, aus den Zuckern vom Feld mehr als zwanzig Prozent Alkohol fürs Auto zu produzieren. Zusammen mit der geringen Energiedichte des Ethanols sorgt das für eine schwache Konkurrenz des Biosprits gegen die Kraftstoffe aus Erdöl. Im Juni schlugen Chemiker wie James Dumesic von der Universität von Wisconsin-Madison und Conrad Zhang aus dem Pacific Northwest National Laboratory darum vor, dem Zucker auf chemischem Wege einen Großteil seines Sauerstoff zu entreißen und so eine dritte Variante von Treibstoff zu entwickeln. In mehreren Schritten wandelten sie Glukose und Fruktose in Verbindungen mit wohlklingenden Namen wie 2,5-Dimethylfuran und Hydroxymethylfurfural. Aus letzterem ließe sich sogar Kunststoff synthetisieren, wofür Erdöl ja ebenfalls Ausgangsstoff ist. Nur beim Tanken wird es dann ein wenig komplizierter, wenn wir uns entscheiden müssen zwischen Furan und Furfural.
Aber solange es noch Erdöl gibt, wird die Menschheit sich wohl danach verzehren. Oder Bakterien mit der Aufgabe betrauen, wie im Dezember bekannt wurde. Steve Larter von der Universität Calgary hat zusammen mit Geowissenschaftlern und Mikrobiologen aus unterirdischen Lagerstätten von zähem Schwerölschlamm die entsprechenden einzelligen Experten isoliert und untersucht. Sie entschlüsselten dabei ein Musterbeispiel von Teamarbeit, in dem der eine Bakterienstamm ausscheidet, was dem nächsten als Nahrung dient. Ein Prozess, der gut, wenn auch sehr langsam abläuft. Mit ein wenig unterstützenden Nährstoffen könnte man ihn jedoch beschleunigen, hoffen die Forscher. Und zur Belohnung Methan ernten – oder gleich Wasserstoff, wenn man noch ein bisschen weiter in das schmierige Biosystem eingreift.
Da wäre es vielleicht viel versprechender, unsere eigenen Umweltsünden nutzbringend anzuzapfen. Immerhin wissen wir seit Mai, dass Schimmelpilze in Tschernobyl ihren Energiehaushalt mit ionisierender Strahlung betreiben. Cladosporium sphaerospermum heißt der einfallsreiche Pilz aus dem Katastrophenreaktor, der es den Forschern um Ekaterina Dadachova vom Albert Einstein College of Medicine angetan hat. Er nutzt den Farbstoff Melanin, um auf noch unbekannte Art und Weise die intensive Gammastrahlung seines Lebensraums anzuzapfen. Es gibt eben für jeden Schaden innovative Konzepte, die noch einen überraschenden Nutzen hervorzaubern. Das lässt doch hoffen, oder?
Vorankommen auf bewährte Weise
Sonst blieben Robbi und seine Freunde ja ewig so unbeweglich wie Pflanzen. Obwohl die ebenfalls gerne unterwegs sind, wie wir seit Mai wissen. Rivka Elbaum und ihr Team vom Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung berichteten über die Struktur und Funktion der Grannen von Weizenkörnern, denen man zuvor nur balancierende Aufgaben zugetraut hatte. In Versuchen zeigte sich, dass die Fasern auf der Innen- und Außenseite der Granne sich bei Änderungen der Feuchtigkeit unterschiedlich stark ausdehnen und zusammenziehen. Dadurch spreizen sie sich während des trockenen Tages am Samen auseinander und klappen in der feuchteren Nacht zusammen. Im Zeitraffer ergibt dies eine Bewegung, die verblüffend dem Beinschlag eines schwimmenden Frosches ähnelt. Und ein entsprechendes Resultat hat: Je nach Lage des Samens wandert er ein kleines Stückchen über den Boden oder gräbt sich in die Erde.
Auch wenn die Sensationen im Jahr 2007 ausgeblieben sind, haben Physik und Technik sich mit Affen, Robotern und Weizenkörnern also doch von der Stelle bewegt und einige Anstöße gegeben für weitere Forschung. Und darüber hinaus gab es gleich zweimal besonderen Grund zu feiern: Nobelpreisehren gingen an deutsche Forscher. So erhielt Gerhard Ertl, Physiker des Berliner Fritz-Haber-Instituts den Chemie-Nobelpreis dafür, die Grundlagen der modernen Oberflächenchemie gelegt zu haben, indem er den Ablauf wichtiger chemischer Reaktionen auf Oberflächen im Detail beschrieb. Der berühmte Anruf erreichte ihn just an seinem 71. Geburtstag. Und Peter Grünberg vom Forschungszentrum Jülich und sein französischer Kollege Albert Fert wurden dafür ausgezeichnet, jenen magnetischen Effekt entdeckt zu haben, der uns heute Festplatten im Giga-Byte-Bereich und mehr ermöglicht. Mal sehen, was im kommenden Jahr geboten wird.


Freier Journalist 










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