Teures Rot
Aber was ist mit Rot? Die Bäume bilden diese Farbe extra neu kurz bevor das Laub fällt und mischen dazu so genannte Anthocyane zusammen, denen auch Blaubeeren, Himbeeren oder Pflaumen ihre kräftige Tönung verdanken. Ihre Rolle im Herbstakt sollte deshalb allein schon wegen der dafür nötigen pflanzlichen Energieinvestition komplizierter sein. Eine These schreibt ihnen einen Lichtschutzfaktor zu, der die Pflanzenzellen vor der UV-Strahlung schützt, nachdem das Chlorophyll zerlegt wurde, doch selbst Pflanzenphysiologen zweifeln dies als alleinige Erklärung an. Eine neuerer Ansatz wiederum geht von einem Warnsignal aus: Halt!, soll es Insekten vermitteln, dieser Baum wehrt sich vehement gegen Schädlinge und hat nichts Nahrhaftes zu bieten.
Auf Gelb fliegen
Dörings Team stellte deshalb im letzten Herbst 70 Wasserfallen im Freiland auf, die sie in unterschiedlichen Tönen von Blau bis Rot eingefärbt hatten. Sie wollten feststellen, auf welche Farben Blattläuse fliegen, verglichen die jeweilige Spektralbereiche mit jenen von Laub und bastelten daraus ein Farbwahlmodell, das ihnen die bevorzugten Kolorierungen ausspucken sollte. Insgesamt verfingen sich mehr als 2100 der saugenden Kerfe in den Behältern, wovon die Mehrheit zu vier Arten gehörte, die saisonale Wanderungen zu ihren bevorzugten Wirtsbäumen unternehmen, um dort die Eier für die nächste Frühjahrsgeneration abzulegen.
Glühende Tarnung
Es könnte sich vielmehr um einen passiven Schutz handeln, der die Blätter und ihren Inhalt effektiv tarnt. Dafür spricht auch noch ein weiteres Ergebnis der Biologen, denn die Läuse würden auch sattgrünes Blattwerk eher links liegen lassen, wenn sich ihnen noch eine dritte Option bietet: Am beliebtesten waren gelbe Flächen, wie wohl jeder Liegewiesenbesucher aus eigener Erfahrung bestätigen kann, der nach dem Sonnenbad unzählige der Insekten von seinem gelben Sonnenhut pusten kann. Die Blätter könnten also die Anthocyane extra produzieren, um ihre verräterischen Karotinoide zu überpinseln und damit die Zahl der Schädlinge klein zu halten.
Meist beschränken sich die Tiere jedoch auf Ausflüge, die nicht länger als eineinhalb Minuten dauern. Stellen sie dann ihren Flügelschlag ein, purzeln sie aus der Luft zurück zum festen Boden oder Blattwerk und bevorzugt auf saftiges grünes oder besser noch gelbes Laub. Ganz ohne Gefahr sind diese Reisen jedoch nicht: Turbulenzen können die Läuse jederzeit vom ersehnten Ziel fortreißen und in die dicht an dicht hängenden Spinnennetze des deutschen Altweibersommers blasen. Auch ein herbstliches Spektakel – allerdings kein massentourismustaugliches.








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