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Bericht | 23.09.2008
OZEANOGRAFIE

Enten im Eis

Plastikspielzeug soll Gletscherschmelze erkunden helfen
Daniel Lingenhöhl
Sie ist klein, gelb und wurde durch Loriot und die Sesamstraße berühmt: Das Quietscheentchen genannte Plastikgetier, das sich in fast jeder deutschen Badewanne tummelt. Die schwimmenden Hohlkörper leisten aber noch viel mehr als Kindern Gesellschaft bei der großen samstäglichen Wäsche: Unfreiwillig im Dienste der Wissenschaft dümpeln sie durch die Weltmeere - und sollen nun eine Reise ins Eis antreten.
Am 10. Januar 1992 geriet mitten im Nordpazifik ein Frachter auf dem Weg von Hongkong nach Tacoma/USA in einen starken Sturm. Die schwere See spülte einige der Bord geladenen Container von Deck, darunter eine Ladung Plastikbadespielzeug. Alsbald trieben knapp 29 000 gelbe Enten, grüne Frösche, blaue Schildkröten und rote Biber in den Fluten - und machten sich auf zu einer Reise um die Erde.

Friendly Floatee vorher und nachher
Knapp acht bis zehn Monate später landeten die ersten der Tiere an den Gestaden Alaskas an, andere strandeten in Chile, Australien und Indonesien: Sie folgten der großen pazifischen Ringströmung, die den nördlichen Teil des Ozeans umrundet und von der immer wieder kleinere Abzweigungen in Küstennähe oder andere Meere führen. Und sie erregten die Aufmerksamkeit des Ozeanografen Curtis Ebbesmeyer - damals an der University of Washington in Seattle - , der nun ihr weiteres Schicksal verfolgte und mit Computermodellierungen voraussagte, wohin sie als nächstes schwimmen würden. Freiwillige Helfer wie Badegäste, Strandspaziergänger oder Küstenschutz meldeten ihm rund um den Pazifik, wo und wann das Getier festes Land erreicht hatte.

Durch die Nordostpassage

Wie prognostiziert, schwemmte es Enten, Biber und Konsorten in den Jahren nach der Havarie noch mehrfach an die Küsten Alaskas, Japans und des US-Bundesstaats Washington, bevor sie den Pazifik über die Beringstraße etwa um 1996 verließen. Im eisig kalten Norden schloss das Eis sie ein, doch wurden sie keineswegs zerquetscht oder aufgerieben, sondern drifteten langsam mit ihrer frostigen Hülle hinüber in den Nordatlantik. Fünf bis sechs Jahre sollte diese Reise dauern, und tatsächlich tauchten ab 2001 die ersten "Friendly Floatees" - so benannt von der Herstellerfirma The First Years, Inc. - in Kanada und dem Nordosten der USA auf: Ihre Aufschrift verriet, dass sie die echten Weltenbummler sein mussten.

Meeresströmungen
Ein größerer Teil der Gummiflotte bog allerdings im Labradorstrom scharf nach Osten ab und folgte dem Golfstromsystem gen Europa, wo die Ankunft ab 2007 von Presse und Forschung begleitet wurde. "Die Ersten der Plastikenteninvasion gehen in Devon an Land", titelte die Times in freudiger Erwartung, "Nach 15 Jahren auf See. Tausende Quietscheenten nehmen Kurs auf England" meldete aufgeregt der Spiegel. Und tatsächlich trudelten ab August immer mehr der weit gereisten Gesellen in Irland, Südwestengland und später der Bretagne ein - die Enten und Biber von Sonne und Salzwasser ausgebleicht, die Schildkröten und Frösche dagegen fast in alter Farbfrische. 27 000 Kilometer hatten manche bereits zurückgelegt und damit auch die Erforschung der Meeresströmungen vorangebracht.

Nun im Dienste der Klimatologen

Ein Erfolg, der nun Alberto Behar vom Jet Propulsion Laboratory der NASA im kalifornischen Pasadena inspirierte. Der Forscher möchte mit Gummienten der arktischen Gletscherschmelze am Jakobshavn Isbræ auf Grönland nachspüren. Diese enorme Walze aus gefrorenem Wasser ist gegenwärtig auch die am schnellste fließende der arktischen Insel: Sieben Prozent des gesamten Eises, das Grönland jedes Jahr in den Nordatlantik entlässt, stammt vom Jakobshavn, jeden Tag schiebt er sich um 15 bis 35 Meter voran. Und das macht ihn besonders interessant für Klima- und Gletscherforscher, die wissen wollen, wie sich die steigenden Temperaturen auf seinen Zusammenhalt, seine Geschwindigkeit und Überlebensdauer auswirken.

Curtis Ebbesmeyer mit Treibgut
Während die abbröckelnde Spitze des Jakobshavn jedoch mit bloßem Auge erkennbar ist, bleiben die Schmelzwasserströme in seinem Inneren unsichtbar. Niemand weiß daher bislang, was seine sommerlichen Tempovorstöße auslöst: Möglicherweise verschwindet das Tauwasser in Löchern des Gletscherkörpers, sickert durch bis zum Grund und schafft dort einen Film, auf dem der Eisriese beschleunigt dahingleitet - doch das ist noch reine Spekulation.

Hier setzt nun der kalifornische Wissenschaftler an: Mitsamt 90 der beliebten Badeutensilien flog er im letzten August ins gar nicht mehr so ewige Eis Grönlands und stellte sie dort in einer so genannten Gletschermühle in den Dienst der Glaziologie - vollgepackt mit Instrumenten und einem GPS-Sender, der ihren Weg über Funk weitermelden soll, bis die Batterien leer sind. Thermometer und Barometer sollen Druck und Temperatur unterwegs aufzeichnen, ein Geschwindigkeitsmesser das Tempo notieren - etwa ob die Enten gletscherinterne Wasserfälle hinabstürzen oder ob sie zeitweise in eisigen Kammern enden.

Eisiger Tod oder gute Reise?

Und irgendwann, so hofft Behar, stürzen seine kleinen Helfer mit einem Eisberg oder Schmelzwasser ins Meer, werden an Land getrieben und von einem Jäger oder Fischer gefunden: Die Aufschriften "Wissenschaftliches Experiment" und "Belohnung" sollen jedenfalls ermuntern, an die ebenfalls angegebene E-Mail-Adresse zu schreiben. Bislang habe sich allerdings noch niemand bei ihm gemeldet, so Behar gegenüber Reuters. Doch er hofft noch: "Die Ecken dort oben sind ziemlich einsam, und es laufen nicht allzu viele Menschen herum. Es könnte also dauern, bis die Enten gefunden werden und uns jemand anschreibt."

Schmelzwasserstrom auf Gletscher
Vielleicht brauchen sie aber auch noch länger, sollten sie nicht ohnehin am Grunde des Gletschers von den enormen Drücken und Kräften aufgerieben werden. Denn womöglich ist die Eiszunge des Jakobshavn auch die Mutter jenes unglücksseligen Eisbergs, der 1912 die Titanic auf den Grund des Atlantiks schickte. Behars Gummivehikel könnten also auch diesem Kurs folgen und die Kurve in den Labradorstrom kratzen - und zur Weltumschwimmung ansetzen.
Daniel Lingenhöhl
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23.09.08
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