Kleine Atempause?
Ob dies aber auch eine Erholungsphase für das arktische Meereis einläutet, bleibt fraglich: Nach 2007 erreichte es dieses Jahr mit 4,5 Millionen Quadratkilometern den zweitniedrigsten Bedeckungsgrad seit Beginn der modernen Aufzeichnung durch Satelliten. Letztes Jahr waren es zwar nochmals 400 000 Quadratkilometer weniger, doch trotz der leichten Zunahme dürfe man nicht von einer Trendwende sprechen, da die Werte von Jahr zu Jahr schwankten, so Mark Serreze und sein Team vom National Snow and Ice Data Center der USA in Boulder. Sie machen ebenfalls La Niña dafür verantwortlich, doch dieser Kühleffekt soll 2009 nicht mehr wirken. Noch in den 1990er Jahren betrug die mittlere sommerliche Eisbedeckung rund um den Nordpol acht Millionen Quadratkilometer. Rekordverdächtig war die diesjährige Tauperiode dennoch, denn wohl zum ersten Mal seit Beginn der modernen Schifffahrt waren sowohl die Nordost- als auch die Nordwestpassage kurzzeitig eisfrei und damit durchgängig ohne Eisbrecher befahrbar.
Zudem könnte die Antarktis erst am Anfang ihres eigenen Klimawandels stehen, wie Rignot zu bedenken gibt. So wirken die ausgedehnten Schelfeisgebiete rund um den Kontinent noch wie ein Schutzschirm, der verhindert, dass relativ warme Luft vom Ozean auf das Festland strömt und dort die Gletscherschmelze antreibt. Diese Schilde zerfallen jedoch gegenwärtig stetig, weshalb sich bald wie in der Arktis positive Rückkopplungen auf dem Eis einstellen könnten. Gerade das Ausdünnen von Schelfeis in der Ostantarktis lässt die Glaziologen die Stirn runzeln: Aus dem bislang unauffälligen Gebiet könnte eine Quelle für den steigenden Meeresspiegel werden.
Stürmische Monate
Glimpflicher kamen diese Sturmsaison dagegen der Atlantik und die Karibik davon – auch wenn einige historische Rekorde fielen: Mit "Dolly", "Edouard", "Fay", "Gustav", "Hanna" und "Ike" tobten sich sechs Hurrikane hintereinander auf dem Festland aus, Kuba trafen gleich drei schwere Wirbelstürme, und mit "Fay" machte erstmals ein- und derselbe Zyklon gleich viermal Landfall in Florida, bevor er sich auflöste. Insgesamt 16 Stürme notierte die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) der USA, womit sich die Prognosen vor der Saison nahezu exakt bestätigten.
Eine Ansicht, der sich auch James Elsner von der Florida State University in Tallahassee anschließt: Weltweit traten in den letzten rund 25 Jahren zwischen 66 und 95 Wirbelstürme weltweit pro Saison auf, ohne dass die Wissenschaftler dabei einen signifikanten Trend nach oben notieren konnten. Auch der Median der Windgeschwindigkeiten blieb nahezu gleich und zeigte allenfalls einen leicht ansteigenden Zug: zwei Ergebnisse, die gegen einen Einfluss des globalen Klimawandels auf die Hurrikangenese sprechen, obwohl sich der Atlantik seit 1981 um etwa 0,7 und der Nordostpazifik um immerhin 0,33 Grad Celsius erwärmt haben.
Konzentration auf Gegenmaßnahmen
Generell verlagerte sich der Schwerpunkt der Klimawandelforschung letztes Jahr noch mehr weg von den Ursachen, die von der weit überwiegenden Mehrheit der Wissenschaftler am menschlichen Handeln festgemacht werden, hin zu den Folgen und vor allem auch möglichen Gegenmaßnahmen. Neben Energieeinsparungen und alternativen Methoden der Energiegewinnung richtet sich der Blick auch auf das Versenken von Kohlendioxid an sicheren Plätzen, damit es nicht in die Atmosphäre gelangt – etwa in der Tiefsee, in vulkanischen Gesteinen oder in ausgedienten Erdöllagerstätten. In Deutschland startete unter anderem ein Projekt im brandenburgischen Ketzin, wo versuchsweise CO2 in mit Salzwasser gefüllten porösen Gesteinsschichten gepumpt wird. Bislang erfüllt CO2SINK die Erwartungen der beteiligten Wissenschaftler vom Potsdamer Geoforschungszentrum.
Eine der größten Veranstaltungen dieser Art beheimatete im Mai die ehemalige Bundeshauptstadt Bonn, in der die Weltnaturschutzkonferenz tagte. Mehrere tausend Delegierte aus aller Herren Länder kamen allerdings zu eher bescheidenen Ergebnissen: Die Meere sollen besser geschützt und dabei soll vermehrt auf Wissenschaftler gehört werden. Biopiraterie – also die illegale Ausbeutung genetischer Ressourcen – wird schärfer geahndet, und Länder wie Deutschland und Norwegen wollen mehr Geld für den Waldschutz zur Verfügung stellen. Wenig tut sich dagegen im Kampf gegen illegalen Holzhandel oder bei der Aufstellung ökologisch korrekter Leitlinien, wenn es um Agrarkraftstoffe geht, die in vielen Fällen Natur und Klima mehr schaden als nutzen: Wird Agrardiesel etwa aus brasilianischem Soja von ehemaligem Regenwaldland gefertigt, fallen die entstehenden CO2-Emissionen sogar höher aus als bei herkömmlichem Diesel oder Benzin.
Dunkelrote Liste
Angesichts dieser Versäumnisse und Trends verwundert es nicht, dass die neue Rote Liste der bedrohten Tier- und Pflanzenarten weiterwuchs: Rund 17 000 Tier- und Pflanzenarten drängen sich mittlerweile auf ihr – von A wie Afrikanischer Elefant bis Z wie Zackenbarsch. Schwerpunktmäßig untersuchten die beteiligten Wissenschaftler dieses Jahr den Status der Säugetiere, von denen ein bedrückendes Viertel in den nächsten Jahren aussterben könnte.
Dennoch wuchs die Zahl der Berggorillas in den letzten Jahren – auch weil die Ranger sich massiv und unter Einsatz ihres Lebens für den Schutz einsetzen: ein kleiner Lichtblick in den Kriegswirren des Kongos. Gute Nachrichten gelangten auch aus dem Norden des Landes in die Öffentlichkeit: Vom Westlichen Flachlandgorilla scheint es jedenfalls noch deutlich mehr Tiere zu geben, als bislang bekannt war. Nach Zählungen und Hochrechnungen der New Yorker Wildlife Conservation Society leben allein im nördlichen Kongo rund 125 000 der Primaten – bisherige Schätzungen gingen von weit weniger Individuen im gesamten Verbreitungsgebiet der Art aus.
Schwere Beben und feurige Ausbrüche
Während die Menschheit auf Klimawandel und Artensterben zumindest bei Interesse einwirken könnte, stehen wir Erdbeben und Vulkanausbrüchen noch weit gehend machtlos gegenüber. Weiterhin existiert kein akkurates Warnsystem, das beispielsweise vor den schweren Erschütterungen in Sichuan im Mai hätte alarmieren können: Knapp 90 000 Menschen starben, als der Boden mit der Stärke 7,9 bebte und sich die tektonischen Spannungen lösten, die die Kollision der Indischen mit der Eurasischen Platte hier aufgebaut hatte. Zahlreiche Erdrutsche blockierten Flüsse, und Risse durchzogen schwer geschädigte Staudämme, so dass zahlreiche Orte evakuiert werden mussten, weil Fluten drohten.
Deutlich sanfter, aber spürbar wackelten im Oktober wiederum hier zu Lande einige Wände: Am 6. Oktober begann ein Erdbebenschwarm im Gebiet Vogtland/Böhmen, der einige Zeit andauerte, berichtete das GFZ. Die Beben waren auch in Bayern, Sachsen und Thüringen spürbar. Im Zeitraum einiger Tage bis mehrerer Wochen kam es zu Tausenden von schwachen Erdstößen, weil sich die Spannungen nicht in einem großen Einzelbeben, sondern in vielen kleinen Minibeben abbauten. Als Grund gaben die Geologen aufsteigende Gase an, die aus einem Magmenreservoir emporklettern, das in etwa 25 bis 35 Kilometer Tiefe unter dem Egerbecken vermutet wird.
Ein Ventil steuert wiederum die Aktivität des Soufrière Hills auf der karibischen Insel Montserrat – ein Mechanismus, den Derek Elsworths Team von der Penn State University in University Park 2008 erstmals bei einem Vulkan nachwiesen. Das Erwachen des Feuerbergs sorgte dafür, dass 1997 die alte Inselhauptstadt Plymouth aufgegeben werden musste. Der Vulkan besitzt zwei Magmenkammern und bricht immer aus, wenn die untere überläuft und ihren Überschuss in die obere exportiert. Hat sie sich entleert, geht die Klappe zwischen beiden wieder zu – und der Soufrière Hills pausiert. Wie dieses "Ventil" aussieht und funktioniert, entzieht sich noch der Kenntnis der Forscher, doch sie hoffen, dass das Pulsieren des Vulkans auch andere explosive Feuerberge wie den Pinatubo oder den Mount St. Helens steuert und sie vorhersagbarer macht.
Alte Klunker, ewig junge Dynamik
Die weitere Entwicklung des Lebens hing wohl auch stark von den Plattenbewegungen ab, denn diese ermöglichte vielleicht erst, dass sich vor etwa 2,6 Milliarden Jahren Sauerstoff in der Atmosphäre anreicherte. Ian Campbell und Charlotte Allen von der Australian National University in Canberra stießen auf zwei sehr auffällige Parallelen: Jedes Mal, wenn zwei oder mehrere Platten zusammenstießen, um einen neuen Kontinent zu bilden, entstanden stets überdurchschnittlich viele Zirkone. Und: Jede Kollision wurde von einem Sprung der Sauerstoffkonzentration in der Erdatmosphäre begleitet. Insgesamt sechs, vielleicht sieben derartige Ereignisse ließen demnach das O2 schrittweise von vernachlässigbar auf die heutigen 21 Prozent ansteigen.


















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