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Quelle: Spektrum der Wissenschaft 02/2009
Woran denkst du gerade?
Die technische Entwicklung der vergangenen
Jahrzehnte, gepaart mit den
jüngsten Ergebnissen der Hirnforschung,
hat Grundlagen geschaffen, um systematisch
die Signale im Gehirn zu entschlüsseln.
Damit scheint die bislang unantastbare
Freiheit der Gedanken in Gefahr, und
die perfekten Gedankenlese-Maschinen düsterer
Sciencefiction-Filme drohen Realität
zu werden.
Es ist daher an der Zeit, dass wir unseren
Standpunkt bestimmen und die weitere
Richtung voraussehen, findet Stephan
Schleim, Philosoph, Psychologe und Informatiker
an der Universität Bonn und Autor
von "Brainlogs". Der Untertitel
"Pionierarbeit der Hirnforschung" deutet
an, dass die professionellen Gedankenleser
noch am Anfang stehen. Ihre Methode
der Wahl ist momentan ein bildgebendes
Verfahren, die funktionelle Magnetresonanztomografie
oder kurz fMRT: jene Methode,
bei der letztlich von verändertem
Sauerstoffbedarf und Blutfluss auf die Hirnaktivität
geschlussfolgert wird. Inzwischen
finden sich in Zeitungen und Zeitschriften
aller Art die bunten Bildchen, die uns zeigen
sollen, mit welchen Gehirnregionen wir
denken.
Die suggestive Kraft dieser Bilder ist so
groß, dass ihr Konsument die zugehörigen
Behauptungen der Forscher häufig unkritisch
übernimmt. Erst jüngst veröffentlichten
Wissenschaftler im "Journal of Cognitive
Neuroscience" Ergebnisse, wonach die
pure Erwähnung der Methode das Urteilsvermögen
des Lesers betäubt und diesen
von unlogischen
Erklärungen ablenkt. Vorsicht
ist also geboten, vor allem dann, wenn
fMRT-Daten angeblich eindeutig etwas belegen.
Diese Warnung ist das Fundament,
auf dem Schleims Buch ruht und auf deren
Notwendigkeit bereits der Mainzer Philosoph
Thomas Metzinger im ersten Vorwort
hinweist.
Im zweiten Vorwort wünscht der Hirnforscher
John-Dylan Haynes dem Leser viel
Spaß. Das Vergnügen findet man insbesondere
dort, wo Schleim über die Geschichte
des Gedankenlesens plaudert und bizarre
Anekdoten zu Lügendetektoren erzählt.
Aber "Gedankenlesen" ist kein oberflächliches
Spaßbuch. In Aufbau, Stil und Inhalt
steht es in der Tradition guter Sachbücher,
die nicht nur unterhalten, sondern informieren
und aufklären.
Auf die Einleitung und einen kurzen historischen
Abriss folgt die Darstellung der
methodischen Grundlagen. Schleim findet
die wohl dosierte Mischung von Physik und
Neurobiologie, die den Laien ausreichend
mit Informationen versorgt, ohne ihn zu
langweilen. Der Leser lernt, wie Wissenschaftler
Rohdaten weiterverarbeiten müssen.
Unvermeidlich haben in den präsentierten
Bildern immer schon Deutungen ihre
Spuren hinterlassen. Die für den Laien beeindruckende
fMRT wird durchschaubar.
Die darauf folgenden zwei Kapitel führen
Beispiele aus der Grundlagen- und Anwendungsforschung
vor Augen, um klar abzustecken,
was derzeit technisch möglich ist.
Der Logik des Themas folgend, erörtert das
letzte Kapitel kurz gefasst gesellschaftliche
und ethische Aspekte.
Sicher hätte das Buch ausführlicher diskutieren
können, was überhaupt ein Gedanke
ist. Als Philosoph könnte sich Schleim
kompetent dazu äußern, doch würde er damit
vom Kernthema nur abweichen.
Überhaupt gewinnt das Buch durch die
weise Beschränkung des Autors. Für das Kapitel
zur Grundlagenforschung hat er sich
aus der Fülle der Daten Ergebnisse von sieben Arbeitsgruppen herausgesucht, die er
benennt, erläutert und diskutiert. Dem Leser
wird schnell die innere Folgerichtigkeit
der Entwicklung klar. Anfangs konnten Wissenschaftler
nur angeben, ob sich Versuchspersonen
ein Haus oder ein Gesicht vorstellten.
Einige Jahre später war es möglich,
aus den Versuchsdaten bestimmte Absichten
der Teilnehmer herauszulesen.
"Gedankenlesen" vermeidet die sprachlichen
und inhaltlichen Trivialitäten anderer
populärwissenschaftlicher Titel und legt
die Inhalte in ruhigem Ton dar. Im Gegensatz
zu einigen Gehirn-Büchern, die uns
bunte Cocktails aus vielen verschiedenen
Zutaten auftischen, die in ihrer Fülle kaum
mehr verdaulich sind, führt Schleim den
Leser
zu den Kernbotschaften der Hirnforschung.
Olaf Schmidt
ist promovierter Biologe und arbeitet als freier Journalist in Essen.