Blattflächenindex des Amazonasregenwalds: Je dunkler eine Fläche grün gefärbt ist, desto dichter wächst dort die Vegetation. Hellere Flächen zeigen Spuren der Entwaldung an. Vor allem in diesen Regionen herrscht nun häufiger Dürre.
Unheilvolle Fernbeziehung
Erste Vermutungen stellten eine Verbindung zum damals sich anbahnenden El Niño im Pazifik her: Die Klimaanomalie bringt alle 5 bis 7 Jahre weltweit die Wetterbedingungen durcheinander und sorgt beispielsweise für ergiebigen Regen in den Küstenwüsten Südamerikas, während die Regenwälder Südostasiens unter mangelnden Niederschlägen leiden. Auch in Amazonien löste El Niño in der Vergangenheit bereits Dürren aus – doch betrafen sie eher den Osten und das Zentrum des Beckens und nicht den Südwesten wie im Jahr 2005. Und nach den Erkenntnissen von José Marengo vom Instituto Nacional de Pesquisas Espaciais (INPE) in São Paulo und seinen Kollegen zeichnete sich El Niño zu Beginn der großen Trockenheit erst in Ansätzen ab: Er konnte also nicht der eigentliche Auslöser sein [1].
Stattdessen richtete das Team um Marengo ihren Blick auf den Atlantik: "Der übermäßig warme Ozean verursachte 2005 die extreme Dürre", meint der Klimaforscher. Die Innertropische Konvergenzzone – in der die Passatwinde aus Nord- und Südhalbkugel zusammenströmen, aufsteigen und Niederschläge bringen – hatte sich weiter als üblich nach Norden verlagert, weshalb sich über dem aufgeheizten tropischen Meer ein dauerhaftes Tiefdruckgebiet entwickelte. Dies veränderte die Windsysteme in Äquatornähe, und die über dem südwestlichen Amazonasbecken zum Ausgleich absteigenden Luftmassen bescherten der Region ein konstantes, ungewöhnliches Hoch mit ausgeprägt schönem Wetter und überdurchschnittlichen Temperaturen. Wolken und Regen blieben auf dem Festland über Monate aus.
Die Vegetation in den von der Trockenheit 2005 besonders betroffenen Regionen reagierte gänzlich anders als von Wissenschaftlern erwartet: Statt weniger betrieben sie mehr Fotosynthese und bildeten mehr neue Blätter (grüne Flächen, rot steht für unterdurchschnittlich und gelb für normale Werte).
Zusätzlich reflektieren neu angelegte Sojafelder – sie sind einer der führenden Faktoren für Rodungen – mehr Sonnenlicht ins Universum als die vergleichsweise dunklen Wälder, schreiben Marcos Costa von der Universidade Federal de Viçosa in Minas Gerais und seine Kollegen [2]. Weniger Energie wird deshalb in Wärme verwandelt, die Wasser verdampft, die Konvektion antreibt und Wolken schafft. Verglichen mit Viehweiden, der zweiten großen Ursache der Landumwandlung, senkt dies die Niederschläge auf ein Fünftel.
Der Unterschied zu intakten Wäldern dürfte noch extremer sein, denn ein Viertel bis die Hälfte der lebensnotwendigen Regenfälle erzeugt das Ökosystem selbst, weil es so viel Feuchtigkeit ausdünstet. Wichtig ist das vor allem im Süden und Osten Amazoniens, die stark von örtlich entstandenen Gewittern abhängen. Messungen und Satellitendaten deuten an, dass die starken Waldverluste der vergangenen Jahrzehnte diesen Prozess bereits stören. Schon wird das Herz Brasiliens trockener und die Regenzeit kürzer, wie Daniel Nepstad vom Woods Hole Research Center dokumentiert [3].
Mehr Blätter, weniger Bäume
Großräumig sank 2005 die Menge an Wasser im Boden, das für Pflanzen verfügbar ist, auf ein Drittel oder noch weniger der normalen Durchschnittswerte. Kurzzeitig können das die Bäume kompensieren, da sie längere Wurzeln ausbilden und tiefer liegende Reserven anzapfen. Trotz des Mangels kam es deshalb zu einem paradoxen Phänomen: Die Gewächse nutzten die intensive Sonneneinstrahlung und steigerten ihre Fotosyntheserate, wie Scott Saleska von der University of Arizona in Tucson und seine Kollegen belegten [4]. Um vollen Nutzen aus dieser außergewöhnlichen Situation zu ziehen, trieben sie sogar massig neue Blätter aus, wie von Satelliten erhobene Vegetationsindizes zeigten. Dieser Schub betraf jedoch nur intakte Wälder – negative Werte ermittelten die Forscher in Gebieten, die stark von Menschen geschädigt worden waren.
Im Jahr 2005 durchlebte das Amazonasbecken in weiten Teilen eine schwere Dürre – vor allem in den westlichen und südwestlichen Bereichen fielen deutlich weniger Niederschläge als im Durchschnitt (rote Areale). Viele Dörfer waren nicht mehr per Boot erreichbar, da einige Flüsse komplett austrockneten.
Betroffen waren vor allem schnellwüchsige Arten mit geringer Holzdichte – zumeist Pioniergewächse, die auf Lichtungen aufkommen –, Lianen und Palmen, was die Forscher um die Artenvielfalt fürchten lässt, sollten derartige Extremereignisse zukünftig schneller wiederkehren. Nachdem der Amazonasregenwald seit Aufzeichnungsbeginn in den 1970er Jahren stets als Kohlenstoffsenke wirkte und mehr Kohlendioxid aufnahm, als die Pflanzen ausatmeten oder die Zersetzung toter Biomasse ausgaste, kehrten sich die Verhältnisse in diesem Dürrejahr durch den flächenhaften Tod und die ausufernden Brände ins totale Gegenteil: "Da Amazonien so riesig ist, können schon kleine ökologische Veränderungen sich zu einem riesigen Einfluss auf den globalen Kohlenstoffkreislauf auswachsen", meint Phillips.
Während der Wald in normalen Jahren zwei Milliarden Tonnen CO2 absorbiert, entließ er 2005 allein durch das erhöhte Baumsterben drei Milliarden Tonnen des Treibhausgases. Zusammen mit den Rodungsfeuern, die damals 25 000 Quadratkilometer Land verwüsteten, gelangten fünf Milliarden Tonnen CO2 zusätzlich in die Atmosphäre – mehr als Japan und die Europäische Union pro Jahr emittieren.
Was bringt die Zukunft?
José Marengo fürchtet, dass sich die Extremwetterlage wegen der Erderwärmung zukünftig häufiger einstellt – einige Klimasimulationen deuten dies an. Erderwärmung und Abholzung könnten dann dafür sorgen, dass am Ende das gesamte Ökosystem kippt und der Regenwald zur offenen Savanne mutiert. Ob und wann diese kritische Schwelle überschritten ist, wagt niemand vorauszusagen. Einige Ökologen vermuten, dass es kein Zurück mehr gibt, wenn die Waldfläche zur Hälfte zerstört ist, andere setzen die Grenze bei 30 bis 40 Prozent Verlust an.
Nicht ganz so pessimistisch betrachtet dagegen Yadvinder Malhis Team die Chancen des Amazonasregenwaldes. Die Gruppe um den Forscher von der University of Oxford verglich die Simulationen von 19 Klimamodellen mit konkreten Daten aus dem 20. Jahrhundert und entwarnt vorsichtig [6]: Die meisten Berechnungen unterschätzten die tatsächlichen Niederschläge in der Region, weil sie die geografischen Gegebenheiten des Beckens und ihre Wirkung auf die Wetterbedingungen zu schlecht auflösen. Selbst die östlichen Bereiche Amazoniens, die von Natur aus trockener sind als die westlichen, erhielten demnach auch zukünftig noch genügend Wasser, um geschlossene Wälder zu erlauben. Die Gefahr, dass sie sich in offene Savannen auflösen, ist nach Malhis Meinung eher gering.
Die Abholzung für landwirtschaftliche Flächen beginnt meist entlang von Hauptstraßen, von denen später Stichstraßen abzweigen, die schließlich zum Fischgrätenmuster der Abholzung führen (violette Flächen).
Zumindest in diesem Zusammenhang hat die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise positive Folgen, denn die Preise für Soja, Rindfleisch und Land fallen rapide und die Kreditvergabe an Agrarkonzerne ist stark rückläufig. Damit schwinden auch die Anreize zur Abholzung: Verglichen mit dem Vorjahr rodeten die Brasiliener 70 Prozent weniger Wald.









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