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27. April 2003
  Biologie, Chemie, Medizin
  50 Jahre Doppelhelix
"Weit wichtiger als die Mondlandung" [27.04.2003]
 Interview mit Professor Hans Lehrach
    50 Jahre nach der Entdeckung der DNA-Doppelhelix ist das menschliche Genom beinahe vollständig entziffert. In Deutschland gehörte Hans Lehrach zu den Koordinatoren des Deutschen Humangenomprojektes. wissenschaft-online sprach mit dem Max-Planck-Forscher.

  Hans Lehrach

Hans Lehrach

Lexika-Einträge
Desoxyribonuclein- säuren
Genomprojekt


wissenschaft-online: Herr Professor Lehrach, vor 50 Jahren veröffentlichten Watson und Crick ihr Modell der DNA-Doppelhelix. War Ihrer Meinung nach 1953 die Bedeutung dieser Entdeckung und die Bedeutung, welche die Genetik heute hat, bereits absehbar?

Hans Lehrach: Ich glaube schon. Ich weiß natürlich nicht, wie der Bewusstseinsstand damals war, aber wir kennen ja schon seit langer Zeit den enormen Einfluss der Gene und der Genetik auf den Menschen und auf seine Krankheitsneigungen. Wenn Sie eineiige Zwillinge vergleichen, dann sehen Sie hier, welchen Einfluss die Genetik auf den Menschen hat. Dazu müssen wir Gene und Chromosomen gar nicht kennen. Mit der Struktur der DNA haben wir nur zum ersten Mal die Mechanismen gesehen, wie so etwas molekular passieren kann.

wissenschaft-online: Heute, 50 Jahre später, ist das menschliche Genom so gut wie vollständig entziffert, wobei Sie auch einen wichtigen Beitrag dazu geleistet haben. Das Humangenomprojekt wird in seiner Bedeutung oft mit der Mondlandung verglichen. Wie wird es in 50 Jahren eingeschätzt werden?

Lehrach: Es ist weit wichtiger als die Mondlandung. Die Mondlandung hat uns ein paar Steine gebracht und vielleicht ein paar zusätzliche Informationen. Das menschliche Genomprojekt beeinflusst unsere Gesundheit, unsere gesamte Existenz. Die Möglichkeit zur Heilung von Krebserkrankungen hat wohl für das Leben des Erkankten und deren Angehörigen eine ungleich größere Bedeutung als die bemannte Raumfahrt. Insofern ist der Einfluss des Humangenomprojektes wahrscheinlich größer als alles, was wir in den letzten 50 bis 100 Jahren erreicht haben.

wissenschaft-online: Wann wird das Humangenomprojekt vollständig abgeschlossen sein?

Lehrach: Das hängt davon ab, was Sie als Abschluss des Projektes bezeichnen. Für mich ist das Genomprojekt abgeschlossen, wenn wir aus der DNA-Sequenz den Organismus berechnen können, wenn wir also im Prinzip im Computer nachvollziehen können, was eineiigen Zwillingen gemeinsam ist. Wenn wir die biologischen Prozesse wirklich vollständig verstanden haben, dann müssten wir aus der DNA-Sequenz den Menschen voraussagen können.

wissenschaft-online: Und wann könnte das erreicht werden?

Lehrach: Das hängt davon ab, in welchem Grad Sie das erwarten. In vielleicht fünf bis zehn Jahren könnten wir verwendbare Computermodelle von der Entwicklung einer Krebszelle haben. Ob wir jedoch je im Stande sein werden, aus der DNA-Sequenz eines Menschen seine Geschmackspräferenzen vorauszusagen, wage ich zu bezweifeln. Aber auch kleine Fortschritte in der Genomforschung bringen der Menschheit viel mehr als fast alles andere, was mit Steuergeldern finanziert wird.



"Bei der Gentherapie war ich immer skeptisch"

wissenschaft-online: Nun kann die moderne Genetik vielleicht dazu beitragen, heute noch unheilbare Krankheiten zu kurieren. Unmittelbare Eingriffe am Genom, also die Gentherapie, sind jedoch auch mit Risiken bewaffnet, wie die Leukämiefälle in Frankreich zeigen. Hat Ihrer Meinung nach die Gentherapie eine Zukunft?

Lehrach: Die verkürzte Idee Genom-Gene-Gentherapie ist einfach falsch. Das Verständnis eines Krankheitsprozesses wird in den meisten Fällen lediglich dazu führen, dass wir klassische Medikamente entwickeln, die beispielsweise an bestimmte Proteine binden und damit den Krankheitsverlauf stoppen. Je mehr wir das Netzwerk der biologischen Prozesse verstehen, das im Krankheitsfall gestört ist, desto besser können wir dieses Netzwerk wieder in den Normalzustand des Gesunden zurückführen.
Bei der Gentherapie war ich schon immer sehr skeptisch, denn jeder Eingriff in das Genom, der momentan nur ungezielt erfolgen kann, birgt das Risiko von Nebenwirkungen. In den meisten Fällen dürfte es viel unschädlicher sein, klassische Medikamente zu entwickeln, die dann den gleichen Krankheitsprozess unter Kontrolle bringen, ohne dass Sie in das Genom der Zelle eingreifen.

wissenschaft-online: Nun kostet das Ganze sehr viel Geld - letztendlich das Geld des Steuerzahlers. Lohnt sich der Aufwand?

Lehrach: Bei der Gentherapie sehe ich hier echte Probleme. Aber die gesamte biologische Forschung ist für den Steuerzahler viel wichtiger als fast alles, wofür wir Geld ausgeben. Wenn der Steuerzahler überlegen würde, was mit seinem Geld passiert, dann würde hier eine Revolution ausbrechen: Der Steuerzahler finanziert den Kohlebergbau mit ungefähr 2,5 Milliarden Euro - nur um Kohle zu fördern, die auf Weltmarkt wesentlich billiger zu haben wäre. Es wäre deutlich günstiger, die Bergarbeiter mit vollem Gehalt in den Urlaub nach Mallorca zu schicken.
Im Mai 2001 wurde von der Bundesregierung ein über vier Jahre ausgelegtes Raumfahrtprogramm mit einem Etat von über vier Milliarden Euro beschlossen. Alleine der Anteil für die bemannte Raumstation liegt ungefähr zwischen 1,5 und zwei Milliarden Euro. Für das Genomprojekt in Deutschland fließen hingegen nur wenige Prozente dieser Summen. Hier werden Unternehmen mit Milliarden Euro subventioniert, die keine Chance haben, das Leben der Menschen signifikant zu verbessern. Und auch die durch den Steuerzahler finanzierte Eigenheimzulage von ungefähr zehn Milliarden hilft dem krebskranken Menschen in keinster Weise. Die Prioritäten werden hier völlig falsch gesetzt.



"Es gibt auch schädliche Patente"

wissenschaft-online: Die moderne Genetik hat nicht nur eine medizinische, sondern auch eine erhebliche wirtschaftliche Bedeutung. Sie selbst haben mit GPC Biotech ein entsprechendes Unternehmen gegründet. Eignen sich Gene als Handelsgut?

Lehrach: Diese Firmen entwickeln in erster Linie Medikamente. Und mit Hilfe der Genetik kann diese Medikamentenentwicklung sehr effizient zum Nutzen der Patienten und zum Nutzen des Steuerzahlers erfolgen. Grob geschätzt haben wir durch das deutsche Genomprojekt etwa 1000 Arbeitsplätze finanziert und ungefähr 500 Arbeitsplätze in genomnahen Ausgründungen geschaffen. Ich möchte wissen, wie viele andere staatlich finanzierte Projekte auch nur einen annähernd ähnlich hohen Prozentsatz an zusätzlichen Arbeitsplätzen geschaffen haben - sei es die Raumfahrtindustrie, sei es die Militärindustrie. Der Staat sollte doch Projekte, die einerseits die Menschen vor Krankheiten schützen und andererseits neue Arbeitsplätze schaffen, mit sehr hoher Priorität fördern. Davon ist in unserer Zeit leider nichts zu spüren.

wissenschaft-online: Gene werden auch patentiert. Kann es ein Patent auf Leben geben?

Lehrach: Das muss man ganz pragmatisch sehen. Es gibt Gene, die sind einfach ein Rezept für ein Medikament. Und die Firmen, die solche Medikamente entwickeln, brauchen einen Schutz ihres intellektuellen Eigentums, damit sie überhaupt bereit sind, Geld zu investieren. Wir haben die Möglichkeit, diese Forschung entweder staatlich oder privat zu finanzieren. Wenn wir sie privat finanzieren wollen, dann müssen wir den Firmen auch die Chance geben, durch Patente die Resultate ihrer Entwicklung kommerziell ausnutzen zu können. Theoretisch gäbe es natürlich auch die Alternative, dass die Firmen ihre Daten geheim halten. Das Rezept für Coca-Cola ist nicht patentiert, sondern geheim. Aber das wäre natürlich auch nicht gerade im Interesse der Wissenschaft. Insofern erscheint mir eine Patentierung als ein vernünftiger Kompromiss.

wissenschaft-online: Aber es gibt ja die Befürchtung, dass hohe Lizenzgebühren die Forschung blockieren, wenn ein Patent auf ein Gen für sämtliche Verfahren und Produkte gilt, die daraus entstehen könnten.

Lehrach: Das glaube ich nicht, denn gerade die Patentierung und die Offenlegung führen ja dazu, dass darüber geforscht werden kann. Es wird nur die kommerzielle Nutzung geregelt. Aber es gibt sicher auch schädliche Patente, die vermieden werden sollten. So ist es sicher nicht sinnvoll, einfach nur DNA-Sequenzen per Computeranalyse herauszupicken und zu patentieren. Das nützt niemanden, das schadet nur. Wenn jedoch zum Beispiel jemand ein Interferon-Gen identifiziert, um damit ein Mittel gegen multiple Sklerose zu finden, dann ist der Unterschied zu der Entwicklung eines normalen Medikamentes nicht mehr sehr groß.

wissenschaft-online: Und die umstrittenen Patente auf die Krebsgene BRCA1 und BRCA2?

Lehrach: Ich glaube nicht, dass die Forschungen hier stark eingeschränkt wurden, aber vermutlich wäre es in diesem Fall besser gewesen, die Patente nicht zu erteilen. Der Mechanismus zur Erteilung der Patente ist sehr unflexibel, aber es ist besser, wir haben einen schlechten Mechanismus als gar keinen.



"Ein Gentest ist für Versicherungen unsinnig"

wissenschaft-online: Nun sind Gene auch Daten. Wie kann hier ein Missbrauch, zum Beispiel bei Versicherungen, verhindert werden?

Lehrach: Es ist überhaupt kein Problem, durch Gesetze Versicherungen zu verbieten, genetische Informationen zu verwenden. Hier muss man natürlich zwischen den Versicherungen unterscheiden. Wenn sich zum Beispiel jemand, der durch einen Gentest weiß, dass er innerhalb der nächsten fünf Jahre sterben wird, für zehn Milliarden Euro versichern lässt, dann halte ich es durchaus für vertretbar und auch im Interesse der übrigen Kunden, dass die Versicherung ihn nach solchen Informationen fragen darf. Hier ist eine gewisse Informationsgleichheit nötig.
Bei normalen Krankenversicherungen sieht das anders aus. Es ist für die Versicherungen unsinnig, derartige Informationen in die Kundenkalkulation einzubeziehen, denn damit verschieben Sie ja nur das Prämienaufkommen: Die einen zahlen etwas niedrigere Prämien, die anderen etwas höhere. Das Problem ist doch, die Leute lassen sich entweder testen, ohne das jemanden mitzuteilen - davon hat auch die Versicherung nichts -, oder sie lassen sich nicht testen und verzichten damit auf Vorsichtsmaßnahmen, die ihre Gesundheit erhöhen und damit auch Gesundheitskosten verringern. Der Zwang zu einem Gentest würde daher die Kosten für die Krankenkassen anheben. Aber man kann das auch verbieten. Ein Staat, der den Ladenschluss gesetzlich regelt, wird es auch schaffen, bestimmte Auswüchse der Versicherungswirtschaft zu unterbinden.

wissenschaft-online: Jetzt in die Zukunft projiziert: Wenn ich eine neue Stelle suche, werden dann bei einer Einstellungsuntersuchung meine Gendaten gecheckt?

Lehrach: Ich halte das für relativ unwahrscheinlich. Ich glaube, auch auf lange Sicht wird das Arbeitszeugnis sehr viel besser die Arbeitsleistungen voraussagen können als irgendwelche Gendaten.

wissenschaft-online: Sie meinen also, dass hier die Erwartungen als auch die Befürchtungen bei weitem überschätzt werden.

Lehrach: Ich wäre heilfroh, wenn wir Krebs besser verstehen und damit vielleicht ein etwas geringeres Risiko hätten, an Krebs zu sterben. Alle darüber hinaus gehenden Erwartungen, wie etwa den Geisteszustand eines Menschen aus seiner Gensequenz ablesen zu können, sind so unrealistisch, dass wir uns darüber wirklich nicht den Kopf zerbrechen müssen.

Das Gespräch führte Andreas Jahn, Redaktion wissenschaft-online

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