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Glockenbecherbestattung


Schnurkeramische Bestattung


Bestattungsritus


Kupferne Äxte
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Im hessischen Mittelgebirgsraum treten ab circa 2600 vor Christus für etwa 500 Jahre die Kultur mit Schnurkeramik und der Glockenbecherkomplex gleichzeitig auf. Beide endneolithische Kulturen weisen zwar identische Siedlungsareale auf, eindeutige Mischinventare
in Gräbern oder Siedlungen fehlen jedoch. Dies führt zu dem Schluss, dass die Träger der beiden Kulturen sich bewusst voneinander abgrenzten und mieden.
Der Grund für diese klare Trennung liegt vermutlich darin, dass die Kultur mit Schnurkeramik, deren Hinterlassenschaften vom Rhein bis
zum Ural bekannt sind, und der eher in Westeuropa vertretene Glockenbecherkomplex auf zwei gegensätzlichen Ideologien basieren (vgl. AiD 2/1999 Schwerpunktthema), wobei hierunter die bewusst oder unbewusst angewandten Wertvorstellungen einer Gesellschaft zu verstehen sind. Diese gemeinsamen Bräuche wirken innerhalb der jeweiligen Gesellschaft identitätsbildend und zeigen sich etwa in strengen Bestattungsregeln oder genormten Verzierungsmustern.
Nach den archäologischen Befunden haben sich die Anhänger der unterschiedlichen Ideologien bewusst voneinander abgegrenzt, um einerseits nach innen integrativ, andererseits nach außen ausgrenzend und exklusiv zu wirken. Besonders deutlich wird dies etwa bei den gegensätzlichen Bestattungssitten. In der endneolithischen Gesellschaft existierten also zwei Hälften, die sich nicht nur im materiellen Bereich unterschieden, sondern auch anderen, gegegensätzlichen Ideologien folgten, die antagonistische Ausdrucksformen fanden.
Teile einer übergeordneten Kultur?
In der Ethnografie bezeichnet man zwei gegensätzliche Seiten einer größeren sozialen Einheit, die sich über ein gemeinsames Territorium und Zusammengehörigkeitsgefühl definieren, als Moietys. Jeder Mensch in der Gesellschaft gehört entweder der einen oder der anderen Moiety
an. Sichtbar sind diese Unterschiede etwa durch bestimmte Kleidungsmerkmale oder Schmuckstücke, mit denen sich ein Teil der Gesellschaft von dem anderen abgrenzt. Auch kennt man aus Afrika oder Nordamerika Gesellschaften, bei denen jede der beiden Moietys eine besondere Art der Bestattung pflegte.
Übertragen auf die prähistorische Situation bedeutet dies, dass das gegenseitige Abgrenzen innerhalb der endneolithischen Gesellschaft durch die Sozialstruktur vorgegeben wurde. Infolgedessen können die Kultur mit Schnurkeramik und der Glockenbecherkomplex als zwei unterschiedliche Ausprägungen einer gemeinsamen, übergeordneten Becherkultur begriffen werden.
Übergang zur Adlerberg-Gruppe
Einflüsse von außen (zum Beispiel Metallurgie) haben vermutlich dazu geführt, dass die Kultur mit Schnurkeramik und der Glockenbecherkomplex am Ende des dritten vorchristlichen Jahrtausends
in der Adlerberg-Gruppe aufgingen, die ab circa 2200 vor Christus für
das nördliche Oberrheingebiet belegt ist. So lassen sich verschiedene
kulturelle Merkmale der endneolithischen Kulturen auch für die Adlerberg-Gruppe nachweisen. Mit der Glockenbecherkultur sind etwa Ähnlichkeiten in der Verzierungsweise der Keramik oder in den Bestattungssitten belegt. Auch v-förmig durchbohrte Knöpfe und Armschutzplatten bezeugen kulturelle Beziehungen beider Kulturen.
Aus der Kultur mit Schnurkeramik sind im archäologischen Fundmaterial
der Adlerberg-Gruppe verschiedene Bezüge dokumentiert. So weisen beispielsweise die kupfernen Äxte vom so genannten Typ Eschollbrücken
deutliche Ähnlichkeiten mit den facettierten Steinäxten der Schnurkeramik auf. Sie belegen neben der typologischen auch eine soziale Kontinuität, denn beide Objekte sind Statussymbole, die ihren Träger als herausragende Persönlichkeit kennzeichnen (vgl. Beitrag C. Wolf in AiD 2/1999, 26ff.).
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die in zwei gegensätzliche
Hälften getrennte endneolithische Gesellschaft unter dem zusätzlichen Einfluss der Aunjetitzer Kultur, die vor allem neue technologische Impulse brachte, vereint in der Adlerberg-Gruppe aufging. Motor dieser Entwicklung könnte die Erschließung neuer ökonomischer Ressourcen, nämlich die Metallgewinnung und -verarbeitung, gewesen sein.

Roland R. Wiemann
 | Quellen |  | | Dieser Artikel stammt aus der Zeitschrift Archäologie in Deutschland 5/2003. Im aktuellen Schwerpunktthema "Endneolithikum/Frühbronzezeit" lesen Sie mehr über den Beginn eines neuen Zeitalters vor mehr als 4000 Jahren. |  |
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