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11. April 2004
  Archäologie
  150 Jahre Pfahlbauarchäologie [11.04.2004]
 Ein Meilenstein der Archäologie
    Die Entdeckung der Pfahlbauten 1854 war nicht nur eine archäologische Sensation, die weit über die Schweizer Grenzen hinaus eine gewaltige Resonanz hatte, sie trug auch entscheidend zur Entstehung der modernen Archäologie bei. Darüber hinaus spielten die Pfahlbauer eine äußerst wichtige politische und ideologische Rolle für den Schweizerischen Bundesstaat, der kurz nach seiner Gründung 1848 identitätsstiftende Mythen brauchte.

  Pfahlbauten

Pfahlbauten

Bewohner

Bewohner

Mondhorn

Mondhorn

Bernsteinperle mit Goldblechauflage

Bernsteinperle mit Goldblechauflage

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Pfahlbauten

Der Winter 1853–1854 war ungewöhnlich kalt und trocken. Die Seen des Schweizer Mittellandes erreichten den niedrigsten Wasserstand seit Jahrhunderten. In Obermeilen hatte sich der Zürichsee weit hinter das Ufer zurückgezogen. Dies ist die Gelegenheit für Jung und Alt, Neuland zu gewinnen.

Während die Erwachsenen im trockenen Uferbereich Dämme aufschütten, um so ihre Grundstücke zu vergrößern, spielen die Kinder im Aushub. Dort, inmitten von vermoderten Hölzern, Knochen und Tonscherben, finden sie allerlei merkwürdige Geräte. Der zurate gezogene Obermeiler Schullehrer Johannes Aeppli ahnt ihre Bedeutung und benachrichtigt Ferdinand Keller, Gründer und damaliger Präsident der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, der sich sofort an die Arbeit macht.

Er erkennt, dass die Objekte aus einer weit zurückliegenden Zeit stammen und sammelt Informationen zu ähnlichen Funden im Schweizer Mittelland. Im Herbst 1854 steht dann sein Urteil fest. Die Hinterlassenschaften, die an den Seeufern immer wieder angetroffen werden, stammen aus prähistorischen Dörfern, die von einem einheitlichen Volk auf großen Plattformen über dem Wasser errichtet waren.

Pfahlbauzange statt Fischernetz

Dieses Bild weckt bald die Aufmerksamkeit seiner Kollegen sowohl in der Schweiz als auch im Ausland. Die Seen und Moore rund um die Alpen werden plötzlich zum Tummelplatz von Archäologen und selbst ernannten Pfahlbauforschern. Es herrscht ein regelrechtes Pfahlbaufieber. Die ersten Pfahlbausammlungen entstehen. Eine erhöhte Nachfrage lässt die Preise für Pfahlbauobjekte rapide ansteigen. Manche Fischer an Boden-, Zürich- oder Neuenburger See orientieren sich um und tauschen ihre Netze gegen die Pfahlbauzange. Dennoch reicht das Angebot bei weitem nicht, um die Nachfrage zu stillen. So bringen fleißige Handwerker schöne, fantasievolle Fälschungen auf den Markt.

Der Pfahlbauer und die Politik

Es dauert nicht lange, bis die Politik diese Pfahlbaueuphorie wahrnimmt und einen Weg findet, sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Die Faszination für die Pfahlbauten fällt in Europa mit einer Zeit radikaler wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen zusammen. Dieser Umbruch schürte in der Gesellschaft ein Gefühl der Unsicherheit, dem man auch durch den Blick auf eine scheinbar unkomplizierte und glückliche Vergangenheit entgegenzuwirken versuchte.

In der Schweiz kamen noch handfeste, politische Interessen hinzu. Nach dem Bürgerkrieg von 1847 (dem Sonderbundskrieg) und inmitten Europas mit seinem heraufkommenden Nationalismus brauchte die junge, 1848 gegründete, und pluriethnische Eidgenossenschaft dringend das, was man heutzutage Integrationsfiguren nennt.

Sinnbild der perfekten Gemeinschaft

So wird der Pfahlbauer zum gemeinsamen Vorfahren und die Dörfer auf ihren Plattformen über dem Wasser zum Sinnbild einer freien und egalitären Gesellschaft, zugleich wehrhaft und pazifistisch, deren Bestehen sich auf Solidarität, Einheit und Fleiß gründete. Diese Werte waren Garant für die reibungslose Entwicklung der Schweiz von der Steinzeit bis in die Moderne. Anders als die mittelalterlichen Gründungsmythen der Eidgenossenschaft, die sich vornehmlich in den als konservativ und reaktionär geltenden Tälern der Urkantone abspielten, waren die Pfahlbauer im Schweizer Mittelland zu finden, einer Region also, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts als aufwärts strebend und fortschrittlich verstand.

Neue Erkenntnisse, neue Disziplinen

Die Folgen der Entdeckung von Obermeilen sind aber auch im wissenschaftlichen Bereich deutlich spürbar. Für die damals noch junge Disziplin Archäologie, die sich bis dahin vornehmlich mit Grabfunden beschäftigen musste, wird nun die Welt der Lebenden fassbar. Durch ihre außergewöhnlich guten Erhaltungsbedingungen liefern die im feuchten Seegrund entdeckten Objekte erstmals einen detaillierten Einblick in die Alltagskultur eines prähistorischen Dorfes.

Nun können neue, ehrgeizige Fragestellungen entworfen werden. Ein zentrales Anliegen ist dabei die Rekonstruktion der prähistorischen Lebensweise. Dies erfordert wiederum den Einsatz neuer Methoden und bildet den Anstoß, der zur Entwicklung von zahlreichen Disziplinen führt, die heute immer noch zu den Grundfesten jeglicher archäologischen Arbeiten gehören: Die Archäobotanik, die Archäozoologie und das, was später experimentelle Archäologie und Archäometrie genannt wird.

Marc-Antoine Kaeser und Samuel van Willigen
Schweizerisches Landesmuseum, Zürich

© Archäologie in Deutschland

Schweizer Großereignis
Anlässlich des Jubiläums wird es in der Schweiz und den angrenzenden Regionen eine Reihe von Veranstaltungen geben (das Programm finden Sie unter www.diepfahlbauer.ch). Hierzu gehört auch eine große Pfahlbauerausstellung im Schweizerischen Landesmuseum Zürich. Sie präsentiert Funde aus den Pfahlbausiedlungen und setzt diese in Bezug zu den Bildern, die wir uns in den vergangenen Jahren vom Alltag ihrer Bewohner gemacht haben (bis 13. Juni 2004, Schweizerisches Landesmuseum, Museumstrasse 2, 8023 Zürich).



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