Großartikel Lexikon der Biologie

Arbeitsteilung, in vielen Tiergruppen im Zusammenhang mit Sozialverhalten, Staatenbildung oder Koloniebildung zu beobachtende Erscheinung. So bestehen Hohltierkolonien ( vgl. Abb. ) häufig aus morphologisch verschieden differenzierten Einzeltieren (Personen), die unterschiedliche Funktionen im Tierstock (Tierstöcke) erfüllen. Es können ausschließlich dem Nahrungserwerb dienende Nährpolypen (Trophozoide, Nährzoide) mit langen, kräftigen Tentakeln von reinen Wehrpolypen (Dactylozoide) mit kurzen, aber nesselbestückten Tentakeln unterschieden werden. Die Erzeugung der Geschlechtsprodukte oder der Medusengeneration ist auf die Geschlechtspolypen (Gonozoide, Geschlechtstiere) beschränkt. Diesen fehlen Tentakeln, Mundöffnung und Darm, sie bestehen ausschließlich aus Geschlechtsorganen und werden von den Nährpolypen miternährt. Die höchste Form der Differenzierung zeigen die Staatsquallen unter den Hohltieren. Man kann Schwimm-, Deck-, Tast-, Magen-, Gonaden- und reine Verbindungstiere unterscheiden. Der Tierstock bildet hier eine übergeordnete Einheit, deren "Organe" die Einzeltiere darstellen. Bei den koloniebildenden Moostierchen sind vergleichbare Differenzierungen in Autozoide, Gonozoide und der Verteidigung und dem Putzen dienende Avicularien und Vibracularien (Heterozoide) zu finden. Auch bei den hochsozialen (soziale Insekten) und staatenbildenden Insekten (Termiten, Ameisen, Bienen, Wespen) sind im Zusammenhang mit der Arbeitsteilung morphologische Unterschiede zwischen den auf verschiedene Aufgaben spezialisierten Individuen (Kasten; Kaste) entstanden. Meist ist eine Königin als einziges Geschlechtstier auf die Fortpflanzung spezialisiert. Die Ovarien sind dann zu gewaltiger Größe herangewachsen, so daß sie den größten Teil des Körpers einnehmen. Die anderen Tiere des Staates erfüllen dann Aufgaben als Arbeiter, Soldaten, Ammen, Nahrungsspeicher usw. (Bei Termiten sind dies weibliche und männliche Individuen, bei den übrigen staatenbildenden Insekten stets weibliche Individuen.) Dies ist auch meist mit der Ausbildung von Baueigentümlichkeiten in den einzelnen Kasten verbunden. So besitzen Soldaten sehr kräftige Kiefer (Mandibeln), bedornte Kopffortsätze und sind viel größer als z. B. die Arbeiter (vor allem bei Ameisen, Termiten und einigen Blattläusen). Auch Wirbeltiere mit hoch entwickeltem Sozialverhalten zeigen arbeitsteilige Gruppenstrukturen. Arbeitsteilung ist hier jedoch nicht mit morphologischen Unterschieden verbunden und beruht nicht auf genetisch vorgegebenen Differenzierungsschritten. Vielmehr wird die Arbeitsteilung dadurch erreicht, daß die Individuen in Abhängigkeit von Alter, Geschlecht, sozialem Status usw. verschiedene soziale Rollen einnehmen. Diese Rollendifferenzierung wird weitgehend durch individuelles Lernen erreicht. Die höchste Form der Arbeitsteilung auf dieser Grundlage hat der Mensch entwickelt. Sie ist bei ihm jedoch nicht ausschließlich mit den Begriffen der natürlichen Evolution zu erklären, sondern wird von gesellschaftlichen und traditionsbildenden Faktoren beeinflußt. Die Differenzierung vollzieht sich hier in den benutzten Werkzeugen (Technik). Tiergesellschaft, Urbanisierung.

M.St./H.H.





Arbeitsteilung



Morphologisch verschieden differenzierte Tiere eines Tierstocks von Hydractinia echinata (Hydrozoa).

1 Nährpolyp, 2 Geschlechtspolyp, 3 Wehrpolyp. Die Polypen (Einzelpersonen) stehen auf einer Grundplatte, der auch harte Stacheln (4) entspringen (Artname!).

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