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Russisches Tagebuch: "Einfach um zu überleben"

Ein Ökonom präsentiert eine niederschmetternde Diagnose der Lage des russischen Wissenschaftsbetriebes - und zeigt trotzdem Optimismus. Der lässt sich allerdings nur bedingt teilen.
Moskau
Donnerstag in Moskau

Russisches Außenministerium | Der Blick aus dem Hotelzimmer fällt auf das Außenministerum
Unsere Raissa in Moskau heißt Dascha. Von Scheremetjewo II, dem Inlandflughafen neben Scheremetjewo I fürs Internationale, bringt sie uns, vorbei an den üblichen Plattenhochhäusern für inhumane Menschenkäfighaltung, in eines der Fünfsternehotels. Dascha mit den festen Schuhen lotst unseren Bus durch das Verkehrsgewühl vieler westlicher und japanischer Autos.

Gegenüber dem Außenministerium, das in einem der sieben großen Stalintürme untergebracht ist, beziehen wir Zimmer im Golden-Ring-Hotel. Ich bin erleichtert. Denn als ich für eine Reportage zuletzt 1989 nach Moskau reiste, erlebte ich im Hotel Rossija gleich neben dem Roten Platz meine Wunder: Überflutung im Badezimmer, danach krochen Kakerlaken aus der Toilette. Morgens um fünf ein großer Knall – vor meinem Fenster war ein großer Zimmerspiegel auf dem Vordach über den Haupteingang zerborsten. Es stimmt mich nicht gerade traurig, als ich später erfahre, dass das Rossija jetzt abgerissen werden soll.

Leonid Gochberg | Leonid Gochberg, Leiter des "Institute for Statistical Studies and Economics of Knowledge"
Versteckt in Moskaus Altstadt liegt sie, die Higher School of Economics, 1992 gegründet als eine neue Hochschule westlichen Typus. 9000 Studenten hat sie bereits. Wir treffen den Vizedirektor Leonid Gochberg, der das "Institute for Statistical Studies and Economics of Knowledge" leitet. Seit Jahren analysiert er die Lage der russischen Wissenschaft. Stolz verweist er auf Kooperationen mit Deutschland: dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe, der Humboldt-Universität oder dem Otto-Suhr-Institut in Berlin.

Gochbergs Zahlen erscheinen "hart". Seine Diagnose ist niederschmetternd und zeigt uns, dass die russische Forschung längst – sieht man von einzelnen Spitzenforschern ab – den Stand eines Entwicklungslandes erreicht hat. "Wir haben 15 Jahre der Krise hinter uns", sagt der Ökonom. "Diese Jahre haben wir damit vergeudet, neue Forschungs- und Bildungsmodelle zu debattieren."

Von zwei Millionen Angestellten in Forschung und Entwicklung sind bis Ende 2003 nur noch 858 000 verblieben. Zehntausende, vor allem jüngere Forscher gingen ins westliche Ausland. Unter den Verbliebenen wuchs der Anteil der Nichtakademiker auf 40 Prozent. "Und diese Entwicklung geht weiter", erklärt Gochberg. "Die Institutionen haben ihr sowjetisch-archaisches System beibehalten." Mehr noch als ins Ausland seien die guten jungen Leute in die Wirtschaft abgewandert: "Einfach um zu überleben."

Auf die Krise der Russischen Akademie der Wissenschaften angesprochen, sagt er: Das Gehalt der Akademiker müsse auf mindestens 2500 Dollar ansteigen, "sonst reizt das niemanden". Der Aderlass der Forscher hat einen simplen Grund: Nach der Perestroika bekamen die Institute kein Geld mehr, sie mussten sich plötzlich weit gehend selbst versorgen. Dabei entdeckten sie, dass man mit den eigenen Werkstätten gut verkäufliche Massenprodukte für die Industrie fertigen konnte, etwa Autozubehör oder Teile für Kühlschränke.

Studenten der Higher School of Economics | Studenten in der Bibliothek der Higher School of Economics
Die meisten Institute finanzieren sich etwa zur Hälfte auf diese Weise. In Nowosibirsk berichtet mir später ein Physiker, dass sie drei Viertel ihres Budgets durch solche Fertigung hereinholen. Kein Wunder, dass der Anteil der Nichtakademiker in den Instituten so angestiegen ist; zugleich fehle die Generation der 30- bis 45-jährigen Wissenschaftler. Und die Jungen, die in der Forschung bleiben wollen, müssen sich finanziell oft auch mit Hilfsjobs über Wasser halten, etwa mit Unterricht an Volksschulen.

Gochberg verblüfft mich mit einer Lobpreisung des deutschen Bildungssystems. Was er daran so gut findet, frage ich. Der öffentliche Sektor sei wohl organisiert, wie das System unserer Universitäten, meint Leonid Gochberg. Forschung und Lehre seien an den Unis eng miteinander verzahnt. Und viele Organisationen wie der Stifterverband bemühten sich um den Technologietransfer aus der Forschung, etwas, das es in Russland so kaum gibt.

Abendessen über Moskau | Über den Dächern von Moskau: Reinhard Breuer beim abendlichen Gespräch mit Leonid Gochberg
Abends beim Essen auf dem Dach unseres Hotels sitzen wir noch einmal beisammen. Ich sage zu Gochberg, er sei doch wohl ein Pessimist. Aber nein, erwidert der Bildungsforscher, er sehe sich als Realist. In einem glaube ich aber, dass der Russe dennoch Optimist ist. Als er die Gebiete nennt, auf denen Russland künftig international führend sein werde, nennt er Information- und Softwaretechnologie, Energieerzeugung und neue Materialien. Davon überzeugt mich nur die Energieerzeugung – in einem Land, das auf Öl und Gas schwimmt.

Morgen geht's weiter mit der Lomonossow-Universität in Moskau:
Ahnengalerien und Visaprobleme

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