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Magazin | 01.10.1994

Worin liegt das Wesen der Überraschung?

Dr. Gerhard Trageser
Dem menschlichen Handeln liegen vielfältige Erwartungen über die Beschaffenheit von Objekten, Situationen und Ereignissen zugrunde, deren Verletzung überrascht. Jüngste experimentelle Untersuchungen geben einen tieferen Einblick in Sinn und Folgen dieser Reaktion.
Emotionen waren in der Psychologie ein halbes Jahrhundert lang weitgehend ausgeklammert worden, weil sie in dem einfachen Reiz-Reaktions-Modell des Behaviorismus keinen Platz fanden. Zwar hat ihre Erforschung in den letzten zehn Jahren eine beachtliche Renaissance erfahren; aber auch die zahlreichen Publikationen der jüngsten Zeit beschäftigen sich nur sehr selten mit der systematischen Analyse einzelner Gefühle. Das liegt zum einen sicherlich daran, daß sich viele Emotionen nicht ohne weiteres unter kontrollierten Bedingungen im Experiment reproduzierbar hervorrufen lassen. Zum anderen wirft es ethische Probleme auf, Versuchspersonen etwa in Trauer, Wut oder Furcht zu versetzen.

Ein Gefühl, das man im Experiment sowohl völlig bedenkenlos als auch sehr zuverlässig evozieren kann, ist die Überraschung. Mit ihr befaßt sich deshalb seit geraumer Zeit die Arbeitsgruppe um Wulf-Uwe Meyer, der in der Abteilung Psychologie der Universität Bielefeld den Lehrstuhl für Allgemeine Experimentelle Psychologie innehat. Die Forscher lassen sich dabei von der Grundannahme leiten, daß es sich bei der Überraschungsreaktion um einen Mechanismus handelt, der das menschliche Verhalten immer wieder so adjustiert, daß es weitgehend situationsgerecht bleibt.

Unser Wissen über die Welt ist in sogenannten Schemata organisiert: Theorien über die Beschaffenheit von Ereignissen, Objekten und Situationen. Sie leiten das alltägliche Handeln und werden fortlaufend daraufhin überprüft, ob sie dem Vorgefundenen in angemessener Weise Rechnung tragen. Das ist – ebenso wie die schemageleitete Handlungssteuerung – in aller Regel ein automatisch ablaufender Prozeß.

Solange Situationen und Ereignisse mit einem Schema kompatibel sind, besteht kein Anlaß, es zu revidieren. Wenn jedoch eine Diskrepanz auftritt, die einen gewissen Schwellenwert überschreitet, kommt es
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