a) schimmernder Teppich aus Meeresbakterien b) feines Seegras c) gewebter Muschelfaden d) Textil aus seltenen Rotalgen
Antwort:
Seeseide, auch Muschelseide genannt, ist in der Tat ein Textil, das aus den gewebten Haftfasern einer bestimmten Muschelart gewonnen wird.
Erklärung:
Schon Jules Verne beschreibt sie in seinem Abenteuerroman "20 000 Meilen unter dem Meer" die Kleider aus den feinen Fäden der Schinkenmuschel Pinna nobilis, welche die Passagiere auf Kapitän Nemos "Nautilus" umhüllen und wärmen. Ob die damaligen Leser allerdings wussten, dass der Autor hier nicht seine Phantasie hatte spielen lassen, sondern sich auf die Wirklichkeit bezog?
Denn die Schinkenmuschel, die bis zu einen Meter groß werden kann, war tatsächlich lange Zeit nicht allein wegen ihres schmackhaften Fleisches begehrt. Wertvoller war das Haftsekret, der so genannte Byssus, am Fuß der Steckmuschel-Art - denn aus ihm gewannen die Menschen im Mittelmeerraum dünne Fasern, die sie in einem aufwändigen Prozess zu einem feinen, goldenen Garn verarbeiteten: der Muschelseide. Vom Haftfuß der Pinna nobilis gehen dünne Fäden aus, mit denen sich die Muschel am Meeresgrund an den Blättern des Seegrases Posidonia verankert. Die Fäden bestehen aus einem Drüsensekret, das nach seiner Absonderung schnell erhärtet und extrem belastbar ist. Sie sind teilweise bis zu 20 Zentimeter lang.
Zur Ernte der Schinkenmuscheln verwendete man früher Zangen oder Schlingen, welche das Meerestier mitsamt seiner Verankerung aus dem schlammigen Untergrund ziehen sollten. An Land wurde der Faserbart von der Muschelschale getrennt und in Meer- und Regenwasser durchgespült. Anschließend kam der Byssus in eine Lauge. Weich und glänzend wurde das Material allerdings erst durch mühsame Handarbeit: Die Fasern mussten mit den Fingern weichgerieben und mit einem Stahlkamm glatt gebürstet werden. Erst danach konnten sie mit feinen Spindeln zu Garn verarbeitet werden.
Ergiebig war das Textilgeschäft mit der Muschelseide allerdings nie. Etwa 4000 der großen Schalentiere brauchte man für ein Kilogramm des Garns. Gerade die Seltenheit jedoch machte die "Seide der Meere" in Königs- und Fürstenhäusern zu einem begehrten Gut. Schon die Langobarden sollen das kostbare Textil im achten Jahrhundert an ihre Höfe importiert haben - zusammen mit dem ebenso wertvollen Farbstoff der Purpurschnecken. Im 18. und 19. Jahrhundert dann kam es zu einem regelrechten Muschelseide-Boom: Insbesondere in Sardinien und Apulien wurden Hüte, Handschuhe, Halstücher und Schals hergestellt.
Heute ist das Handwerk der Muschelseiden-Weberei beinahe ausgestorben. Es gibt zwar Versuche,
die Tradition zu beleben - allein es fehlt an Material. Denn die Pinna nobilis steht inzwischen innerhalb der EU und in Kroatien unter Naturschutz - wegen Überfischung und der Verschmutzung ihres Lebensraumes.
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