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Wie viele Sinne hat der Mensch?

a) Drei
b) Fünf
c) Sechs
d) Zehn
 

Antwort:

Neurowissenschaftler unterscheiden sechs Sinne der Säugetiere: Sehen, Hören, Gleichgewicht, Fühlen, Schmecken und Riechen. Ganz eindeutig ist die Antwort auf diese Frage jedoch nicht.
 

Erklärung:

Was sind "Sinne"? Auf die allgemeine Definition "die Fähigkeit, Reize wahrzunehmen" sollten sich die meisten Wissenschaftler und Laien einigen können. Doch damit endet auch schon die Übereinstimmung.

Der strenge Physiker klassifizierte die Sinneswahrnehmung womöglich nach der Natur des Reizes: chemische, mechanische und Licht-Reize - macht also drei Sinne. Elektrische und magnetische Felder können wir höchstens indirekt wahrnehmen - anders als zum Beispiel manche Fische, die mit Hilfe elektrischer Felder im Wasser navigieren, oder Vögel, die sich am Erdmagnetfeld orientieren.

Es liegt jedoch nahe, die subjektive Sinneserfahrung sowie den Aufbau der Sinnesorgane zu berücksichtigen, schließlich erleben wir mechanische Reize im Ohr oder auf der Haut vollkommen unterschiedlich. Schon Aristoteles beschäftigte sich in seinem einflussreichen Werk "De Anima" ausführlich mit der Sinnesphysiologie. Hier findet sich auch die klassischen Einteilung in fünf Sinnesmodalitäten: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen. Beim Fühlsinn erwägte er zunächst, die Wahrnehmung von Druck, Schmerz, Wärme und Kälte als verschiedene Sinne zu interpretieren, verwirft diese Idee aber schließlich. Einen sechsten Sinn schloss er explizit aus - und irrte.

Der vestibuläre Sinn, die Gleichgewichtswahrnehmung, entging aber nicht nur der Aufmerksamkeit des griechischen Philosophen. Das Phänomen des Schwindels war zwar schon länger bekannt, doch erst im 19. Jahrhundert entdeckten Wissenschaftler das dazugehörige Gleichgewichtsorgan im Innenohr. Es sorgt nicht nur für räumliche Orientierung und Körperbalance, sondern kontrolliert auch die Augen- und Kopfbewegung - anders wär der Mensch kaum in der Lage, während einer Drehbewegung die Welt im Blick zu behalten.

Doch müssen wir die Sinneswahrnehmung keineswegs auf von außen kommende Reize beschränken. Signale aus dem Inneren des Körpers werden uns zwar nur selten bewusst - etwa als unangenehme Kopfschmerzen oder Seitenstechen. Doch nur die Fähigkeit zur Wahrnehmung des eigenen Körpers - die Propriozeption - erlaubt uns zum Beispiel, mit geschlossenen Augen den Finger zur Nase zu führen. Ein vergleichbarer "Muskelsinn" wurde erstmals im späten 18. Jahrhundert postuliert.

Die Propriozeption ist so elementar, dass ihr Fehlen kaum vorstellbar scheint. Es gibt jedoch vereinzelte Fälle, in denen Menschen dieses Gefühl für den eigenen Körper verlieren. Ihre Muskeln können sie zwar nach wie vor bewegen, doch der uns so selbstverständliche Handgriff gerät zu einem mühsamen Akt, da die Stellung der Hand ständig mit dem Auge kontrolliert werden muss.

In den Neurowissenschaften werden die für das Fühlen und die Propriozeption verantwortlichen Rezeptoren in der Haut und den Muskeln zum somatosensorischen System zusammengefasst. Seit dem frühen 19. Jahrhundert haben Wissenschaftler hier eine Vielzahl von sehr spezialisierten Sinneszellen ausfindig gemacht. So reagieren jeweils verschiedene Rezeptoren auf leichte Berührungen, Vibrationen, starken Druck oder die Dehnung der Haut. Auch für die Temperaturwahrnehmung stehen eigene Nervenenden, die Thermorezeptoren, zur Verfügung. Selbst die Wahrnehmung von Schmerzen beruht nicht einfach auf einer Überreizung der bisher genannten Nerven. Vielmehr besitzt der Körper spezielle Nozirezeptoren (nocere, lat.: schaden) und ein unabhängiges System aus langsamen und schnellen Nervenbahnen um angemessen auf drohende Verletzungen reagieren zu können. Die Aufteilung des Fühlsinns, die Aristoteles noch ablehnte, wäre somit durchaus berechtigt.

Schließlich sollten wir auch die viszeralen Sinne nicht vergessen: Die Wahrnehmung der inneren Organe, die uns unter anderem die Bauchschmerzen bescheren, aber auch vor dem Verhungern oder Verdursten warnen. Obwohl sie uns selten etwas bewusst mitzuteilen haben, lässt sich kaum sagen, wie viele Rezeptoren für chemische Substanzen, den pH-Wert oder andere Reize hier am Werk sind.

Damit hätten wir jetzt bereits zehn Sinne: Zu den klassischen Fünf und dem Gleichgewichtssinn kommt die Wahrnehmung der Temperatur und des Schmerzes sowie die Propriozeption und der viszerale Sinn. Die Aristotelischen Sinne drängen sich noch heute gern in den Vordergrund. Doch wäre es ungerecht ihre bescheideneren Kameraden zu übersehen, denn wir verdanken ihnen viele, zum Teil lebensnotwendige Informationen über unsere Außen- und Innenwelt.
 
Vinzenz Schönfelder
 

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