Serie: Evolution und Religion (Teil IV)
"Der Glaube ist eine Waffe im Kampf ums Dasein"
Religion oder Evolution? Anders als Charles Darwin war sein Zeitgenosse, der Zoologe Gustav Jaeger, nicht bereit, diesen Gegensatz als gegeben zu akzeptieren. Mit seinen Ideen gilt er heute als Vordenker der Soziobiologie.
Mehr noch hielt Darwin jede Religion für eine primitive Form der Welterklärung, die von der Wissenschaft längst überholt worden sei. Und diese habe durch "Vervollkommnung der Vernunft und Vermehrung der Kenntnisse" die traurigen Folgen von Religiosität überwunden, als da wären "Aberglaube, Gottesgerichte, Menschenopfer und Hexenverfolgung", Darwin zufolge Erscheinungen, die den "Verirrungen der Instinkte bei den Tieren" vergleichbar seien.
Selbst für die Ausbildung moralischen Verhaltens, das dem nackten Egoismus des survival of the fittest – am ehesten mit "Überleben des Bestangepassten" zu übersetzen – offenkundig entgegensteht und somit zunächst ein theoretisches Problem der Evolutionslehre darstellte, sei kein Glaube an höhere Wesen erforderlich. Moralität erkläre sich bereits aus dem Nutzen sozialer Bindungen für den Einzelnen wie für das Überleben ganzer Gruppen. Immerhin billigte Darwin der Religion auf diesem Gebiet eine gewisse förderliche Wirkung zu


Wolfgang Achtner ist Hochschulpfarrer
und Privatdozent an der
Justusliebig-Universität
Gießen.
Er begründete und leitet das
Transscientia Institut für interdisziplinäre
Wissenschaftsentwicklung,
Philosophie und Religion.
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1. Verleumdungen und Verdrehungen
03.04.2009, Dr. Alfons Hack, 85567 GrafingDa glaubte ein längst in Vergessenheit geratener Zoologe und Kleiderfabrikant des 19. Jahrhunderts in angeblicher Anlehnung an Darwin, in der Geschichte der Weltreligionen eine Entwicklung zu erkennen, an deren Gipfel – wen wundert’s - das Christentum stehen soll. Und schon sollen christlicher Glaube und Evolutionslehre miteinander im Einklang sein? Geht´s noch simpler?
Anscheinend ja, wenn man uns nämlich William Paley, der mit seinem Gottesbeweis vom Uhrmachergott zum geistigen Stammvater aller "Intelligent Design"-Anhänger wurde, als Konzeptgeber für die Evolutionslehre verkaufen will. Eine der großen intellektuellen Leistungen Darwins bestand sicher darin, sich von der statischen Natursicht Paleys los zu lösen. Erst dadurch wurde sein Blick frei, um das Evolutionsgeschehen wahrzunehmen.
2. Christlicher Glaube und Evolutionslehre
09.04.2009, Dr. Alfons Hack, GrafingDa glaubte ein längst in Vergessenheit geratener Zoologe und Kleiderfabrikant des 19. Jahrhunderts in angeblicher Anlehnung an Darwin in der Geschichte der Weltreligionen eine Entwicklung zu erkennen, an deren Gipfel – wen wundert’s - das Christentum stehen soll. Und schon sollen christlicher Glaube und Evolutionslehre miteinander im Einklang sein? Geht´s noch simpler?
Anscheinend ja, wenn man uns nämlich William Paley, der mit seinem Gottesbeweis vom Uhrmachergott zum geistigen Stammvater aller Intelligent Design Anhänger wurde, als Konzeptgeber für die Evolutionslehre verkaufen will. Eine der großen intellektuellen Leistungen Darwins bestand sicher darin, sich von der statischen Natursicht Paleys loszulösen. Erst dadurch wurde sein Blick frei, das Evolutionsgeschehen wahrzunehmen.
3. Darwin war kein Atheist
14.04.2009, Felix Thommen, Regensdorf, SchweizErstens geht es im Thema Evolutionslehre und Religion keineswegs darum, die beiden zu verbinden, so wenig wie etwa Musiklehre und Quantenphysik miteinander verbunden werden können. Vielmehr müsste gezeigt werden, dass beide nebeneinander existieren können, beide ihre Berechtigung haben und sich nicht ausschließen. Das ist verschiedenen Verfassern in den letzten Jahren auf überzeugende Weise gelungen (z. B. David Sloan Wilson: Evolution for Everyone).
Zweitens wird mehrmals Darwin fälschlicherweise als Atheist bezeichnet, d. h. die Position des Atheismus (es gibt keinen Gott) wird mit der des Agnostizismus (wir können nicht wissen, ob es einen Gott gebe) verwechselt. Darwin war Agnostiker und kein Atheist! Er hat es abgelehnt, sich mit Fragen zu befassen, die er nicht beantworten konnte, und sich lieber mit solchen abgegeben, deren Beantwortung ihm möglich und sinnvoll erschien. Zu seiner Religiosität zwei Zitate aus Briefen von 1870 (an Hooker) und 1879 (an J. Fordyce). Übersetzung von mir:
- Meine Theologie ist ein simples Durcheinander; ich kann das Weltall nicht als Ergebnis von blindem Zufall ansehen, doch sehe ich keinen Beweis für einen wohlwollenden Plan (design), oder überhaupt einen Plan, in den Einzelheiten.
- Was meine Ansichten seien, ist eine Frage, die für niemanden als mich selbst Bedeutung hat. Aber wenn Sie fragen, so kann ich sagen, dass mein Urteil oft schwankt … In meinen extremsten Schwankungen war ich aber nie ein Atheist in dem Sinne, dass ich die Existenz eines Gottes verneinte. Ich denke, dass im Allgemeinen (und immer mehr, je älter ich werde), aber nicht immer, Agnostiker die korrektere Beschreibung meines Geisteszustandes wäre.
Dass Darwin eine Glaubenslehre ablehnte, die ihn und viele seiner Freunde zu immerwährender Verdammnis verurteilt, ist verständlich.