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Chemosignale: Weibliche Tränen besänftigen Männer

Was man bislang nur von Nagetieren wusste, hat sich jetzt auch beim Menschen bestätigt. Demnach enthält Tränenflüssigkeit Duftstoffe, die Aggressionen bei Männern dämpfen.
Auge einer Frau mit Träne
Charles Darwin hielt emotionalen Tränenfluss für zwecklos. Inzwischen wissen wir, dass Tränen eine über die Augenpflege hinausgehende Funktion haben und sie Säugetieren, einschließlich des Menschen, als soziales Signal dienen.

Viele Tiere nutzen die chemische Kommunikation über Duftstoffe, um ihr Revier zu markieren, Sexualpartner anzulocken oder vor Gefahr zu warnen. Von Nagetieren weiß man, dass ihre Tränen flüchtige Substanzen absondern, die die Aggression von männlichen Artgenossen hemmt. Ähnliches hat man bei uns entdeckt: Das Riechen menschlicher Tränen bewirkt ein Absinken des Testosteronspiegels bei Männern. Aber hat das auch Auswirkungen auf ihr Verhalten? Das wollten Geruchsforscher um Noam Sobel vom Weizmann Institute of Science wissen; ihre Ergebnisse publizierten sie in »PLOS Biology«.

Da der Zusammenhang zwischen Testosteron und Aggressionen bei Männern deutlicher ist als bei Frauen, entschied man sich, das Experiment zunächst nur mit männlichen Teilnehmern durchzuführen. Dazu sammelte das Team emotionale Tränen von sechs Frauen, die einen traurigen Film geschaut hatten. Anschließend spielten 31 Männer ein Computerspiel, bei dem sie gegen einen vermeintlich menschlichen Kontrahenten antraten. Das Spiel war so konzipiert, dass es Aggressionen erzeugte: Hin und wieder schummelte der »Gegenspieler«, woraufhin sich der Proband finanziell rächen konnte.

Währenddessen trugen die Freiwilligen eine Geruchsprobe unter der Nase – an einem Tag mit der Tränenflüssigkeit, am anderen mit einer Kochsalzlösung, wobei die Reihenfolge zufällig variierte. Die Männer empfanden beide Proben als gleichermaßen geruchlos und konnten sie dementsprechend nicht voneinander unterscheiden. Ihnen war auch nicht klar, worum es sich genau handelte. Und tatsächlich: Das rachsüchtige, aggressive Verhalten nahm um mehr als 40 Prozent ab, wenn die Männer an den Tränen der Frauen gerochen hatten.

Wie eine chemische Decke

Bei der anschließenden Wiederholung des Computerspiels im MRT-Scanner mit 33 anderen Männern zeigte die funktionelle Bildgebung, dass zwei mit Aggressionen zusammenhängende Hirnregionen, der präfrontale Kortex und die vordere Insel, in provokativen Spielsituationen aktiver wurden. Schnupperten die Spieler in solchen Situationen an Tränen, verringerte sich die Aktivität dieser Hirnareale. Je stärker die Reduktion, desto seltener rächte sich ein Spieler an seinem Gegenüber. Dies zeigt den Autoren zufolge, dass Tränen eine Art »chemische Decke« zum Schutz gegen Aggressionen sind und Menschen dieses Chemosignal mit Nagetieren gemeinsam haben. In weiteren Studien soll getestet werden, wie Frauen auf Männertränen reagieren.

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