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Klimawandel: Fehlende russische Daten schaden der Arktisforschung

Fast die Hälfte der terrestrischen Arktis liegt auf russischem Gebiet. Doch die Zusammenarbeit ist seit der Invasion in der Ukraine zum Erliegen gekommen. Das reißt Wissenslücken.
Eine Eisbärin mit ihren zwei Jungen auf einer Eisscholle
Die Eisbären in der Arktis stehen ohnehin schon auf dünnem Eis. Doch seit dem Einmarsch der russischen Streitkräfte in die Ukraine fehlen nun auch noch wichtige Daten zur Erforschung ihres Lebensraums. Das bereitet den Fachleuten Sorgen.

Die Arktis erwärmt sich zwei- bis viermal schneller als der globale Durchschnitt. Während die Polkappen schmelzen und der Permafrostboden taut, bemühen sich Wissenschaftler, die sich verändernde Region und ihre Auswirkungen auf den Rest des Planeten im Auge zu behalten. Doch ihre Forschung ist oft mit enormen Herausforderungen verbunden – von der rauen, eisigen Umgebung bis hin zu Eisbären, die die Messinstrumente zerstören –, jetzt aber stehen die Fachleute noch vor einem zusätzlichen Hindernis: Es gibt praktisch keine Daten mehr aus Russland.

Dabei entfällt auf Russland fast die Hälfte der arktischen Landfläche. Seit dem Einmarsch der Streitkräfte des Landes in die Ukraine ist die weltweite Zusammenarbeit mit russischen Wissenschaftlern allerdings fast vollständig zum Erliegen gekommen, und russische Feldstationen sind für die meisten ausländischen Forscher nicht mehr zugänglich. Eine Studie, die im Fachmagazin »Nature Climate Change« veröffentlicht wurde, bestätigt, dass sich das wissenschaftliche Verständnis der Arktis erheblich verschlechtern wird, sollte dieser Zustand anhalten.

Die Verzerrungen in den Zahlen, die sich nach Abzug der russischen Daten ergeben, seien beinahe ebenso dramatisch wie die Auswirkungen, die der Klimawandel selbst bis zum Jahr 2100 verursachen wird, sagt der Hauptautor der Studie, Efrén López-Blanco von der Universität Aarhus in Dänemark. »Dies ist ein weiterer Kollateralschaden des Konflikts.«

Fast ein Drittel der Stationen liegt in Russland

López-Blanco und seine Kollegen verwendeten für ihre Studie Daten von 60 der 94 Standorte des Internationalen Netzwerks für terrestrische Forschung und Überwachung in der Arktis (INTERACT), dem größten Netzwerk von Forschungsstationen in nördlichen Breitengraden. Fast ein Drittel der 60 ausgewählten Stationen liegt in Russland, und alle befinden sich oberhalb von 59 Grad nördlicher Breite, knapp unterhalb der Südspitze Grönlands. Die Forscher schlossen jedoch grönländische Stationen aus, da es sich dabei nicht um ein typisches terrestrisches Ökosystem handelt.

Sie verwendeten eine Reihe von Computermodellen, die vom Weltklimarat IPCC entwickelt wurden, um zu beurteilen, wie gut acht Ökosystemvariablen – darunter Temperatur, Niederschlag und Schneehöhe – in der gesamten Arktis von 2016 bis 2020 und von 2096 bis 2100 dargestellt werden konnten, und zwar sowohl mit als auch ohne Einbeziehung der 17 russischen Stationen.

Die Analyse der Forscher ergab, dass in der gesamten Arktis Wissenslücken bestehen, selbst wenn alle Stationen einbezogen wurden. Dies liege wahrscheinlich daran, dass sich die meisten Stationen an relativ feuchten, warmen Orten mit weniger dichter Vegetation befinden. »Grundsätzlich ist es sehr aufwändig, Informationen in rauen, abgelegenen Umgebungen zu sammeln, so dass die Datenmenge und -qualität leider ohnehin recht eingeschränkt ist«, sagt López-Blanco. »Wir haben keine koordinierten oder standardisierten Datensätze für die Region.«

Zusammenarbeit mit Russland ist wichtig für Verständnis der Arktis

Die Ergebnisse zeigten aber auch, dass die Verzerrungen bei wichtigen Ökosystemvariablen deutlich zunahmen, wenn die Daten der russischen Stationen ausgeschlossen wurden. Das beeinträchtigt die Fähigkeit der Wissenschaftler, die Veränderungen in der Arktis genau zu beschreiben.

Laut Hiroyuki Enomoto, dem stellvertretenden Generaldirektor des japanischen Nationalen Instituts für Polarforschung, der nicht an der Arbeit beteiligt war, zeigt die neue Studie, dass es ohne die Zusammenarbeit mit Russland nicht möglich sein wird, ein vollständiges Bild der Auswirkungen des Klimawandels in der Arktis zu erhalten. Obwohl diese Situation von der wissenschaftlichen Gemeinschaft bereits vermutet worden sei, sei eine »konkrete Analyse«, die dies bestätige, »sehr zu begrüßen«, sagte er.

»Um zu verstehen, was in der Arktis passiert, brauchen wir eine detaillierte Langzeitüberwachung aller Facetten dieser heterogenen und komplexen Umwelt«Kim Holmén, Klima- und Umweltwissenschaftler

Kim Holmén, ein Klima- und Umweltwissenschaftler an der norwegischen Arktis-Universität UiT, der nicht an der Untersuchung beteiligt war, sagt, dass die neue Studie darüber hinaus eine » dramatische Erosion« anderer Wissenschaftsbereiche in der Arktis andeute, insbesondere solcher, in denen noch weniger systematisch Daten erfasst würden als in terrestrische Ökosystemen oder die sich mehr auf russische Beobachtungen stützen. Dazu könnten Forschungsarbeiten im Bereich der Meeresbiologie, zu Flussökosystemen und zur Ozeanografie gehören – »ganz zu schweigen von den Sozial- und Geisteswissenschaften, ohne die wir nichts über die menschlichen Schicksale in der russischen Arktis erfahren«, sagt Holmén.

»Um zu verstehen, was in der Arktis passiert, brauchen wir eine detaillierte Langzeitüberwachung aller Facetten dieser heterogenen und komplexen Umwelt«, fügt er hinzu. »Das Fehlen russischer Daten ist ein großer Verlust für die Menschheit und unsere Fähigkeit, Veränderungen zu erkennen und in der Folge Wissen aufzubauen, das eine robuste Vorhersage zukünftiger Veränderungen ermöglicht.«

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