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Gesichtererkennung: Andersherum sehen

In einem sind wir alle gleich: Dem Gegenüber ins Gesicht zu schauen, kann zum Flirten anregen - oder eher abturnen. Ansonsten sind sexy Anblicke für das Gehirn von Mann, Frau, Homo und Hetero zwar das Gleiche, aber nicht dasselbe.
Männliches Hirn betrachtet weibliches Gesicht
Auf lange Sicht – um mal mit einem Klischee aufzuräumen – schauen auch die allermeisten Männer mehr auf schöne Gesichter als auf schlanke Körper. Immerhin ist ein Mann eben nicht nur ein Mann, sondern auch ein Mensch. Und schließlich bekam das Sozialwesen Homo sapiens im Laufe der Evolution eines besonders intensiv verdrahtet: Im Gesicht des Gegenübers ist oft wichtiges Zwischenmenschliches zu erkennen, und mit dem eigenen kann viel Entscheidendes mitgeteilt werden – lautstark, aber auch stumm zwischen den Zeilen.

Ob zwischen diesen Zeilen dann Frauen oder Männer besser lesen, interessierte Felicitas Kranz und Alumit Ishai nur am Rande. Viel spannender fanden die Forscher der Universität Zürich, welche Gehirnregionen von Männern und Frauen sachliche Informationen, welche anderen dagegen eher emotionale Eindrücke aus gemusterten Gesichtern herausdestillieren – und insbesondere, wo im Kopf das erblickte Antlitz eines Gegenübers auch auf sexuelle Attraktivität abgeklopft wird. Gerade letzteres herauszufinden, erwies sich allerdings bislang immer als prickelnd kniffelig.

Frühere Wahrnehmungstests mit per Magnetresonanztomografen (fMRI) durchleuchteten Freiwilligen hatten schon einiges an Vorkenntnissen zur Gesichtererkennung enthüllt. Etwa, das Menschen hier eine ganze Menge Gehirnkapazität aus allerlei unterschiedlichen Funktionsarealen investieren: Im visuellen Kortex werden individuelle Unterschiede und soziale Hinweisreize wie Blickrichtungen bearbeitet, in der Amygdala und Insula die emotionale Bedeutung von Gesichtsausdrücken und in den Belohnungszentren des orbitofrontalen Kortex die Schönheit – je attraktiver das Gegenüber erscheint, desto mehr streichelt dieses Areal offenbar den Schauenden.

Nur warum? Kranz und Ihasi hatten eine Vermutung: Das Knistern im frontalen Kortex beim Anblick schöner Menschen dürfte dazu anhalten, sexuell aktiv zu werden – also eine Art Rückkopplung darstellen, mit der zwei sich attraktiv findende Suchende sich finden. Was logisch klingt, aber gar nicht so leicht zu überprüfen ist, wie Experimente zeigten, bei denen die Forscher Kandidaten mit fMRI beim Ankucken von Gesichtern zukuckten.

Gesichter aktivieren mehrere Hirnareale | Die Wahrnehmung und Verarbeitung von Gesichtern hält im menschlichen Gehirn einige Regionen auf Trap. In magnetresonanztomografischen Aufnahmen von Männern (rechts) und Frauen, die ein Gmenschliches Gesicht betrachteten, sind visuelle, limbische und präfrontale Kortex-Areale aktiv. Der orbitofrontale Kortex (OFC), ein Belohnungszentrum des Gehirns, arbeitet dabei je nach individueller sexueller Präferenz unterschiedlich stark: bei heterosexuelle Männer und homosexuellen Frauen arbeitete es besonders intensiv, wenn die Testpersonen attraktive Frauengesichter sahen. Umgekeht bei Schwulen Männern und heterosexuellen Frauen, deren orbitofrontaler Kortex stets Männergesichter anregender fand.
Dabei beurteilten je zehn Männer und Frauen ihnen testweise vorgelegte Gesichter meist als ähnlich attraktiv. Auch ihre Gehirne aktivierten beim Betrachten und Bewerten das schon leidlich bekannte neuronale Netzwerk aus visuell-nüchtern und emotional-angeregten Neuronenspezialisten ganz ähnlich.

Unterschiede zeigten die Geschlechter aber, vermutlich individuell beeinflusst vom Grad der persönlichen sexuellen Appetenz, in einem verdächtigen Areal oberhalb der Augenhöhle, dem medialen, orbitofrontalen Kortex. Dort liegt das Belohnungszentrum des Gehirns. Und hier regen Frauengesichter Männer mehr an, sowie Männergesichter die Frauen.

Generell belohnt der Anblick des anderen Geschlechts also Mann und Frau stärker – was naheliegenderweise wirklich etwas mit Sex zu tun haben könnte. Den endgültigen Beweis lieferten den Forscher aber zwanzig weitere Testteilnehmer mit ganz eigenen sexuellen Vorstellungen: zehn Schwule und zehn lesbische Kandidaten. Sie, so die Hypothese, sollten die Attraktivität von Gesichtern ebenso sachlich einordnen können – falls aber wirklich nur Eros beim Aufflackern des Belohnungsareals eingreift, sollte dieses Areal im Kopf der Homosexuellen nur beim Anblick gleichgeschlechtlicher Gesichter anspringen.

Und tatsächlich: Im Tomografen fanden die orbitofrontalen Kortizes nicht nur von heterosexuellen Männern, sondern auch von lesbischen Frauen eindeutig weibliche Test-Gesichter anregender. Umgekehrt aktivierte ein schönes Männerantlitz nicht nur das Belohnungszentrum von Hetero-Frauen, sondern auch jenes der schwulen Männer. Eindeutiges Resultat: Das Sexy-finden hängt nicht generell vom Geschlecht, sondern vielmehr stark von der individuellen sexuellen Vorliebe des Einzelnen ab.

Unterstrichen wird das Ergebnis übrigens von jüngsten Untersuchungen an einem anderen unserer fünf Sinne: Auch sexuell stimulierende Pheromone scheinen Mann und Frau als Homo oder Hetero jeweils unterschiedlich zu erriechen, abhängig von ihrer jeweiligen sexuellen Geschlechtspartner-Präferenz.

Damit ist der Mensch ganz offenbar entkoppelt von der reinen evolutionären Effizienzphilosophie, für die erfolgreicher Sex gleich Reproduktion gleich Erfolg der Spezies ist. Gerade beim eigensinnigen Menschen aber spielen sexuelle Vorlieben offenbar Sand im Getriebe. Macht nichts, solange Homo sapiens weiter kreative Alternativrouten dort findet, wo die Liebe hinfällt.

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