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»Ganz wie ein Mensch«: Gedanken eines Pumas

Originell, witzig, stellenweise aber auch traurig ist die Geschichte des Pumas »P-22«, die Henry Hoke in diesem gelungenen Roman erzählt. Er basiert auf einer realen Begebenheit, nimmt sich aber seine erzählerischen Freiheiten und eröffnet so eine besondere Perspektive auf das menschliche Treiben in einer Großstadt.
Stadt der Pumas

»P-22« war für viele Menschen mehr als ein Puma. Das Raubtier, das rund zehn Jahre lang im Griffith Park im Stadtteil Hollywood von Los Angeles lebte, begeisterte und berührte zahlreiche US-Amerikanerinnen und -Amerikaner so sehr, dass sie es unter anderem in Büchern, Liedern, Fernsehsendungen, Wandgemälden und einer Ausstellung verewigten. Die Leiterin der Umweltschutzorganisation National Wildlife Federation, Beth Pratt, bezeichnete P-22 gegenüber der britischen Zeitung »The Guardian« einmal sogar als »Brad Pitt unter den Pumas«: Wie der Schauspieler wirkte das Pumamännchen ihr zufolge attraktiv, ein wenig rätselhaft und hatte Pech in der Liebe – ohne Chance, in seinem einsamen Leben eine Partnerin zu finden. P-22 lebte isoliert von anderen Pumas in einem Gebiet, das von dicht befahrenen Autobahnen umgeben ist.

Die Raubkatze war somit zu Lebzeiten bereits ein geliebtes Maskottchen der Stadt und bleibt das auch nach ihrem Tod. Ende 2022 wurde P-22 wegen chronischer Erkrankungen, Unterernährung und schwerer Verletzungen eingeschläfert. Auch post mortem genießt der Puma weiter Kultstatus in L.A. Er inspirierte zum Beispiel den Bau einer gigantischen Wildtierbrücke über den Freeway 101.

In seinem Roman »Ganz wie ein Mensch« schildert der Schriftsteller Henry Hoke den Blick des Pumas auf die Bewohnerinnen und Bewohner von Los Angeles. Oft nimmt er dabei das moderne Großstadtleben aufs Korn: Menschen reden beim Wandern durch den Stadtpark darüber, wie sie am besten »ihre Fähigkeiten vermarkten«, wie der »Fame« sie stresst und was ihnen an ihren Therapeuten ge- oder auch missfällt. Immer wieder kreisen die Gespräche dabei um L.A. – beziehungsweise »Ellej« in den Worten von P-22, der auch mit den Besuchern des Stadtparks so seine Verständnisprobleme hat. »Ich versuche, die Menschen zu verstehen aber sie machen es einem schwer«, stellt er gleich zu Beginn des Romans fest. Dass P-22 offenbar keine Satzzeichen kennt, seine Gedanken oft knapp sind und sich ums Fressen drehen, erscheint plausibel: Eine Raubkatze denkt eben doch nicht ganz so wie ein Mensch.

Vom Wildtier zur »Göttin«

Irgendwann jedoch gelangt der Berglöwe in die Obhut der Teenagerin Jane, die ihn füttert und »Heckatte« nennt. Der echte P-22 war hingegen scheu und hat Menschen eher gemieden. Erst kurz vor seinem Tod wagte er sich weiter ins Stadtinnere vor und griff – möglicherweise aus Hunger – mehrere kleine Hunde an. Hoke weicht an dieser Stelle von den realen Geschehnissen ab und gönnt dem Puma eine Pause von seinem harten Überlebenskampf. Jane kümmert sich um ihn und bezeichnet ihn als »ihre Göttin«.

Der Autor bezieht sich damit auf Hekate, die griechische Göttin der Magie und Übergänge. Sie wurde verehrt, aber auch gefürchtet und galt unter den anderen Göttern des Olymps als Fremde, weil sie ursprünglich aus einem anderen Kult stammte und erst später in die griechische Religion aufgenommen wurde. Hoke stellt P-22 auf ähnliche Weise dar: Als Wildtier in der Großstadt wird der Puma zwar von Jane geliebt, von anderen aber gefürchtet, und er findet in der menschengemachten Umgebung kein richtiges Zuhause.

Auch mit Themen wie Queerness befasst sich der Autor. Leserinnen und Leser sollten deshalb wissen, dass »Ganz wie ein Mensch« keine an den Fakten orientierte Nacherzählung des Lebens des echten P-22 ist. Vielmehr nutzt der Autor den Puma, um Themen wie das Großstadtleben aus der Perspektive eines Außenseiters zu betrachten. Wer sich damit anfreunden kann, bekommt mit dem Buch eine originelle und witzige, stellenweise aber auch recht düstere Lektüre geboten.

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